Neue Journalistik 495
wie interessant war". Trotz der großen Teilnahme, die der Verfassergerade diesem Werk, der „Lutetia" (VI, 129), widmete, das mit einigenkleineren Aufsätzen den gewichtigsten Bestandteil der „VermischtenSchriften" bildete, kam die Herausgabe 1852 noch nicht zustande.Campe zeigte wenig Eifer für das Buch, er feilschte wie immer,schwieg, wie es seine Art war, um die Geduld seines Autors zuermüden und dessen Ansprüche zu ermäßigen, so daß Heine dieVerhandlungen abbrach. Er entschloß sich zwar nicht, das Manuskripteinem andern Verleger zu geben, sondern er ließ es liegen. ZweiJahre später, nachdem Campe persönlich in Paris gewesen war unddie unerquicklichen Verhandlungen sich hinterher nochmals erneuerthatten, konnten die „Vermischten Schriften" 1854 endlich erscheinen.
Die „Lutetia" enthält, wie der Verfasser selber auf dem Titel-blatt angibt, Berichte über Politik, Kunst und Volksleben. Sie be-ginnen im Februar 1840 und reichen bis zum Juni 1843, um-fassen also die sog. parlamentarische Periode Louis Philipps, inder die höchste Gewalt allmählich aus den Händen des Monarchenin die der Kammer glitt. Es war-nach Heines Auffassung derAnfang vom Ende des Bürgerkönigtums. Wie er selber schrieb,wollte er nicht das Gewitter schildern, sondern nur das allmählicheZnsammenballen der Wetterwolken. Im Sommer 1843 brachendie Berichte ab, Heine hatte das Bestechungssystem Guizots ziemlichscharf getadelt, und das wurde dem Pensionär der Regierung wohlverübelt. Er lieferte nach diesem Zwischenfall nur noch einige un-politische Aufsätze, offenbar in der Absicht, den jähen Abbruch derKorrespondenz zu verschleiern.
Man wird zugeben, daß er ein vielleicht einseitiges, vielleicht ge-färbtes, aber doch interessantes und anschauliches Bild jener Periode ge-liefert hat. Kein Geschichtschreiber wird diese Berichte unbenutzt lassen,wenn er sie auch mit Vorsicht benutzen wird, aber sein Ziel hat Heinenicht erreicht. Er schildert Symptome des Unterganges; aber die letzteUrsache, warum das Bürgerkönigtum unhaltbar war, hat er nichtaufgedeckt. Es fehlt die große Idee, die seinen sonstigen historischenSchriften ihre Stärke verleiht, es fehlt die Synthese. Der Dichter hat