Das Junge Deutschland 421
arbeiten und nicht einer auf Kosten des anderen leben will; unddaß wir nicht nötig haben, die größere und ärmere Klasse anden Himmel zu verweisen." Heine hat damit die Tendenz des„Jungen Deutschland" und der „Bewegungsliteratur", wie sie ihreSchriften bezeichneten, richtig charakterisiert, wenn er sie vielleichtauch etwas zu stark nach seinen eignen Ideen, denen des Saint-Simonismus, umgedeutet hat. Diese jungen Leute waren überzeugt,daß das Glück der Menschheit auf Erden verwirklicht werden könneund daß jetzt die Zeit zur Verwirklichung gekommen sei. Siewaren Schwärmer und mit der ganzen Schwärmerei der Jugendweihten sie sich der Volksbeglückung, ohne eine Ahnung von demVolk und seinen Bedürfnissen zu haben. ^
In den Dienst dieser heiligen Aufgabe stellten sie ihre Poesie, denngleich Börne und Heine waren sie von dem Ende der Knnstperiode über-zeugt und wiesen der Kunst die soziale Mission zu, die Menschheit zuemanzipieren, und zwar von den einengenden Vorschriften der Religion,die den Genuß der irdischen Güter und die Freude am Dasein unter-drückten. Sie lehnten das Christentum ab und wollten eine neue Sittlich-keit außerhalb der Religion ans der Freiheit und Schönheit des Leibesbegründen. Sie waren selbstverständlich in der Politik liberal, soliberal als möglich, aber die Politik spielte neben ihren sozialenPlänen eine untergeordnete Rolle. Ihr Programm war viel znumfassend, als daß es sich mit praktischen politischen Fragen ab-geben konnte. Ihre Lösung erfolgte ja ganz von selbst, wenn erstdie neue Gesellschaftsordnung auf der Emanzipation des Fleischesdurchgeführt war. In seinen Werken gebürdete sich das JungeDeutschland recht zuchtlos und setzte sich wild über alle Moralhinweg, im Leben aber waren seine Mitglieder ganz brave jungeLeute. Sie schwelgten in wollüstigen Schilderungen, sie entkleidetendas Weib, aber nicht wie Heine, auf den sie sich vielfach beriefen,aus Schönheitsdrang oder Sinnlichkeit, sondern weil die Nacktheitzu ihrem Programm gehörte. In Gutzkows „Wally, die Zweiflerin"vermählt sich die Heldin geistig ihrem Geliebten durch die Ent-hüllung ihrer ganzen natürlichen Schönheit. Aber diese Tat ist kein