Uber die französische Bühne
zuführen. In der französischen Literatur kämpfte damals dieromantische Idee mächtig gegen die klassizistische Tradition. DiesesRingen mußte den Mittelpunkt der Ausführungen bilden, aberHeine hat die Tendenz der Zeit nicht erfaßt. Der große Kampfentlockt ihm nur einen billigen Spott über die „klassischen Perücken"des Mrsütrs IN-un^uis und einige abfällige Bemerkungen überden Zwitterstil und die Geschmacksauarchie, die auf der erstenBühne des Landes herrsche. Am wertvollsten ist noch die Kritik derKomödie, also des modernen Lust- und Schauspieles, dessen Über-legenheit über die gleiche Gattung in Deutschland zwar nicht ausder psychologischen Eigenart der beiden Völker erklärt wird, sonderndurch den Niederbruch der Autorität in Frankreich, durch die Auf-lehnung der Kinder gegen die Eltern, der Frau gegen den Mann,die ihre geschlechtliche Gleichberechtigung genießen wolle. Dieses Lust-spiel erscheint dem Dichter als ein Erzeugnis der materialistischenfranzösischen Denkweise, letzten Endes als ein Symptom des Verfalles.
Die französische Literatur ist Heine stets unsympathisch geblieben,er war viel zu sehr deutscher Dichter, um an der fremden Kunstmehr als ein theoretisches Interesse zu nehmen. „Das ist eben",so klagt er dem Freunde, „der geheime Fluch des Exils, daß unsnie ganz wohnlich zumute wird in der Atmosphäre der Fremde,daß wir mit unserer mitgebrachten, heimischen Denk- und Gefühls-weise immer isoliert stehen unter einem Volke, das ganz andersfühlt und denkt als wir, daß wir beständig verletzt werden vonsittlichen oder vielmehr unsittlichen Erscheinungen, womit der Ein-heimische sich längst ausgesöhnt, ja wofür er durch die Gewohnheitallen Sinn verloren hat."
In den „Briefen über die französische Bühne" tauchen zum erstenMale die Klagen über das Exil auf, die lebhaft von Heinesfrüherer Begeisterung für Frankreich und Paris abstechen. Voneiner Verstimmung darf man nicht reden, eher ist es eine Ermüdunggegenüber einem Lande, das ihm nichts Neues mehr zu bieten hatund das trotz des siebenjährigen Aufenthaltes ihm nicht zur Heimatgeworden ist. Das französische Ideal sank in den Staub wie