Französische Zustande
393
wirkt. Es sst also das gute Recht des Journalisten Heine, daßer alles zusammenträgt, was seinen Lesern zur Unterhaltung undBelustigung dient. Er selbst kannte die Schwäche seiner Berichtegenau und schrieb Varnhagen, daß er ihrem Wert nicht traue, daßer sie nur verfaßt habe, „teils um mich auf diese Weise geltendzu machen, teils des baren Vorteils wegen". Nur selten kommtder Dichter in ihnen zu Wort, am stärksten noch in der Schilderungdes Auftretens der Cholera in Paris.
Die meisten von Heines Freunden verließen damals die Stadt,er selbst blieb, um seinen kranken Vetter Karl, den einzigen SohnSolomon Heines, zu pflegen. Er wurde gerettet, dagegen verlor derDichter zwei andere gute Freunde, Ludwig und Friederike Robert, durchdie schreckliche Krankheit. Seine Schilderung der Cholera ist oft mitBoccaccios Beschreibung desiPes^iü Florenz verglichen worden. Dasmag übertrieben sein, aber von unheimlichem Reiz im Stile Hoffmannsist sein Bericht über den Ausbruch der Seuche: „Ihre Ankunftwar den 29. März offiziell bekannt gemacht worden, und da diesesder Tag des Ni-Liarsma und das Wetter sonnig und lieblich war,so tummelten sich die Pariser um so lustiger auf den Boulevards,wo man sogar Masken erblickte, die in karikierter Mißfarbigkeitund Ungestalt die Furcht vor der Cholera und die Krankheit selbstverspotteten. Desselben Abends waren die Redouten besuchter alsjemals; übermütiges Gelächter überjauchzte fast die lauteste Musik,man erhitzte sich beim (Rairüt, einem nicht sehr zweideutigen Tanze,man schluckte dabei allerlei Eis und sonstig kaltes Getränke: alsplötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in denBeinen verspürte und die Maske abnahm und zu aller Welt Ver-wunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorschein kam. Manmerkte bald, daß solches kein Spaß sei, und das Gelächter ver-stummte, und mehrere Wagen voll Menschen fuhr man von derRedoute gleich nach dem Hotel-Dieu, dem Zentralhospitale, wo sie,in ihren aberteuerlichen Maskeukleidern anlangend, gleich verschieden.Da man in der ersten Bestürzung an Ansteckung glaubte und dieältern Gäste des Hotel-Dieu ein gräßliches Angstgeschrei erhoben,