Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
388
Einzelbild herunterladen
 

388

XIV. Im journalistischen Dienst

führungen, nur selten wird die Form und die Farbe, also geradedas, was das Wesen der Malerei ausmacht, gewürdigt.

Man kann von Heine nicht verlangen, daß er die Schranken derdamaligen Ästhetik durchbrach, aber bedauerlich bleibt es doch, dennan den Stellen, wo er seine eignen Auslassungen über Kunst gibt,zeigt er sich als ein ebenso feiner Kenner wie denkender Kritiker.Er wendet sich gegen die herrschende Kunstlehre, die dem Dichteroder dem Maler vorschrieb, wie er zu schaffen habe und ihmbeständig die Natur als Muster anpries. Die Kunst ist nach seinerAuffassung nicht Nachahmung der Natur, sondern eine „eingeboreneSymbolik eingeborener Ideen", die in der Seele des Schaffenden„geoffenbart werden". Nicht derjenige ist der größte Künstler, derdie getreuefte Nachahmung der Natur, sei es im ideellen oderrealistischen Stil hervorbringt, sondern „wer mit den wenigstenund einfachsten Symbolen das Meiste und Bedeutendste ausspricht".Die Symbole sind die Träger der poetischen Stimmung, die dieGefühlseinheit zwischen dem Schaffenden und dem Aufnehmendenherstellen. In der Wahl dieser Symbole ist der Künstler unfrei,er schafft unter einem immanenten Zwang, in einer „mystischenUnfreiheit", wie Heines treffender Ausdruck lautet. „Die Idee desKunstwerks steigt aus dem Gemüte, und dieses verlangt bei derPhantasie die verwirklichende Hilfe. Die Phantasie wirft ihm dannalle ihre Blumen entgegen, verschüttet fast die Idee und würdesie eher töten als beleben, wenn nicht der Verstand heranhinkteund die überflüssigen Blumen beiseite schöbe oder mit feiner blankenGartenschere abmähte. Der Verstand übt nur Ordnung, sozusagendie Polizei im Reiche der Kunst." Darum ist es falsch, Regelnfür den Künstler aufzustellen. Sie nützen weder ihm, noch sind sie ge-eignet, das Urteil über das Kunstwerk zu begründen. Es muß „jederOriginalkünstler und gar jedes neue Kunstgenie nach seiner eigenenmitgebrachten Ästhetik beurteilt werden. Regeln und sonstige alteLehren sind bei solchen Geistern noch viel weniger anwendbar.Für junge Riesen, wie Menzel sagt, gibt es keine Fechtkunst, dennsie schlagen ja doch alle Paraden durch. Jeder Genius muß studiert