Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
387
Einzelbild herunterladen
 

Französische Maler Z87

Heine besaß Liebe und Verständnis für die Malerei. InDüsseldorf hatte er mit Erfolg Zeichenunterricht bei dem Bruderdes großen Cornelius genossen, in München verkehrte er vielmit Künstlern und in Italien besuchte er eifrig die Museen,während er sich in England um die reichen Galerien nicht ge-kümmert zu haben scheint. Für seine Auffassung der Schwester-kunst ist eine Anekdote bezeichnend, die aus seiner MünchnerZeit erzählt wird. Er erklärte damals zum Gelächter der An-wesenden in einem Kreis kunstbeflissener Jünglinge, die Malereikönne mit ihren eignen Mitteln nichts ausdrücken, sondern seiauf die Erläuterung durch das Wort angewiesen. Das ist einegroteske Übertreibung, aber sie entsprang der damaligen Kunst-auffassung, die in einem Bilde zunächst die Darstellung einerHandlung erblickte. Lessing hatte die Theorie von dem „frucht-barsten Augenblick" aufgebracht, nach der der Maler einen Vor-gang in dem Moment aufzunehmen habe, der ihn in seinerUrsache wie in seinen Folgen möglichst deutlich veranschauliche.Die Theorie beruht auf einer Verwechselung der Malerei niitder Dichtung, die Lessing im „Laokoon" gerade zu scheiden be-absichtigte. Der Maler wählt nicht den fruchtbarsten, sondernden malerischsten Moment. Ein Bild ist keine Erzählung, sondernFarbe und Linie. Infolge der falschen Theorie trat man andie Malerei mit einem einseitigen stofflichen Interesse heran.Das ist auch Heines Standpunkt. Der Inhalt der Gemälde istihm das Wichtigste, es kommt ihm zunächst darauf au, was derMaler darstellt, und erst in zweiter Linie, wie er es darstellt.Ein Bild wie die „Freiheitsgöttin" von Delacroix oder „Cromwellan der Leiche Karls I." sagt ihm mehr, weil man sich mehr dabeidenken kann, weil es sein revolutionäres Pathos befriedigt. DieKrone aber reicht er den „Schnittern" von L.Robert, weil sie eine„Apotheose des Lebens" enthalten und weil aus dem Bilde diegroße Saint-Simonistische Offenbarung leuchtet: „Die Erde ist derHimmel und die Menschen sind heilig durchgöttert." Unter dieserüberwiegend stofflichen Betrachtungsweise leiden die gesamten Aus-

25»