XIII. In Paris
er überragenden Bedeutung von Paris ist bereits in demvorigen Kapitel gedacht worden. Die Hauptstadt Frankreichswar damals die der Welt, mit der sich selbst London nicht messenkonnte. Es lag an der Peripherie des europäischen Lebens) Paris da-gegen bildete seit den Tagen Ludwigs XIV. dessen Mittelpunkt. Seineglanzvolle Regierung hatte der Stadt die einzigartige Stellung ge-schaffen, die selbst die Mißwirtschaft seiner Nachfolger nicht er-schüttert, die Revolution und das Kaiserreich aber noch festerbegründet hatten. Es war die Stätte, wo das Schicksal derWelt entschieden wurde. Jedoch nicht nur in politischer, sondernauch in kultureller Beziehung besaß Frankreich die Führung in derWelt, und es war allgemein anerkannt — ob mit Recht oder Un-recht, kann dahingestellt bleiben —, daß das französische Volk dasfortgeschrittenste in Europa war und die höchste Blüte der Kulturerlangt hatte. Auch die anderen Länder besaßen große Künstler,große Gelehrte und große Denker, aber das waren Sondererschei-nungen, die in den Augen der Welt den Ruhm der französischenKunst und Wissenschaft als Kollektivbegriff nicht schmälern konnten.Französisch war die Sprache der vornehmen Kreise, sie wurde inRom wie in Berlin, in Madrid wie in Petersburg verstanden.Wer sich zu der europäischen Gesellschaft zählte, beherrschte sie, lasfranzösische Bücher und Zeitungen und war bemüht, wenn es ihmdie Mittel erlaubten, seiner Bildung durch einen Aufenthalt inParis den Abschluß zu geben, in der Stadt, die die höchste Eleganz,die feinste Geselligkeit, die reichsten Museen, die besten wissenschaft-lichen Hilfsmittel, die berühmtesten Theater und die frivolsten Zer-streuungen besaß.
Heine erlag wie die meisten Fremden dem Zauber von Paris.Er sah die Stadt in der besten Jahreszeit, verklärt von dem Glänzedes Frühlings und der neu errungenen Freiheit. Bei seiner An-kunft „flimmerten", wie er selbst erzählt, „noch die Lichter der