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IX. Zwischen Dichtung und Politik
war. Der Dichter mochte es nicht bedauern, daß er sein Eigentums-recht für die einmalige Zahlung von fünfzig Louisd'or an denVerleger abgetreten hatte. Erst 1837 setzte die verstärkte Nachfrageein. so daß von da ab etwa jedes zweite Jahr eine neue Ausgabeerscheinen konnte. Heute, nach einem Jahrhundert hat die Vorliebefür das „Buch der Lieder" eher zu- als abgenommen, und anPopularität und Verbreitung steht es sicher neben, wenn nicht überGoethes „Gedichten".
Wodurch erklärt sich dieser anfangs spärliche, dann plötzlich auf-schnellende Erfolg? In erster Linie dürfte ein äußerer Grund dafürmaßgebend sein. Die deutsche Lyrik hatte die seit Jahrhundertenverlorene Einheit von Wort und Ton wiedergefunden. Das Wesendes Liedes besteht nicht darin, daß es gelesen oder deklamiert,sondern gesungen wird. Heine hat sangbare Lieder geschrieben.Jedoch die Zeiten der Troubadours und der Hellenen, wo derDichter sein eigner Komponist war, bestanden nicht mehr; dermoderne Lyriker mußte auf den Tonkünstler warten, und erst alsdie Methfessel, Schubert, Schumann usw. zu seinen Werken dieMelodien geschaffen hatten, konnten sie ihre eigentliche Wirkungausüben und Gemeingut des gesamten Volkes werden. Die Gegen-wart ist stets ein schlechter Beurteiler des Kunstwerkes. Heine legteseine Lyrik zuerst einem Geschlecht vor, das ganz in der Romantiklebte und von der Romantik beherrscht wurde. Die romantischeForm seiner Gedichte erschien als etwas Alltägliches, der nicht-romantische Inhalt als etwas Störendes und Verletzendes. DerDichter eilte wie jeder große Genius seiner Zeit voraus. Es be-durfte der Julirevolution und der geistigen Umwälzung durch dasjunge Deutschland, um die Romantik zu verdrängen und eineandre Weltanschauung an ihre Stelle zu setzen. Die zweite Aus-gabe des „Buchs der Lieder" von 1837 sprach zu einem neuenGeschlecht mit andern Wünschen und Zielen, mit andrer Hoffnungund Stimmung. Das Verhältnis kehrte sich jetzt um. Die realistischereGesinnung der neuen Zeit nahm an dem unromantischen Inhalt keinenAnstoß mehr und konnte daher den Zauber der romantischen Form