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IX, Zwischen Dichtung und Politik
Weise Partei ergreifen mußte. Das entsprach Heines Absicht, er
— wollte in den „Reisebildern" in erster Linie politisch und höchstens
— in zweiter poetisch wirken. Aber ging es andern großen Dichternanders? Wollte nicht Äschylos mit der „Orestie" in die athenischenVerfassnngskümpfe eingreifen, Shakespeare in den Königsdramennicht einer nationalen Hurrastimmung entgegenkommen? Selbst dergrößte Künstler ist ein Sohn der Gegenwart und regiert durchdie Interessen des Tages. Der Genius ist größer als der Mensch,der Geist bezwingt den Stoff, und ist so aus dem Buch „Le Grand",das der Verfasser in erster Linie zur Wahrung seiner persön-lichen und politischen Interessen bestimmte, eine bedeutende Dichtunggeworden. Heine selber äußerte, daß er bisher nur Witz, Launeund Ironie gezeigt habe, aber noch nie den reinen, freien Humor,oieses Fragment seines Lebens sei aber im „kecksten Humor" ge-schrieben. Er tat mit diesem Urteil seiner eigenen „Harzreise"unrecht, aber wie dem auch sei, dieser freie Humor ist es, der dasBuch „Le Grand" beseelt, der alle Härten und schroffen Übergängemildert und dem Spott seinen Stachel nimmt.
Wieso aber erschien es den Zeitgenossen als eine ungeheureKühnheit? Wie war es möglich, daß das Werkchen in verschiedenendeutschen Bundesstaaten, darunter Preußen, Österreich und Hannover,— sofort verboten wurde? Gewiß, es enthielt starke Angriffe gegendie Schule und die Universität, es war reich an Ausfällen gegen
den Adel und die Religion, und das Idealbild Napoleons konnte
nur dazu dienen, die ganze Misere und die Kleinlichkeit des deutschenStaatslebens zur Anschauung zu bringen. Aber das alles war nichtsNeues, es gehörte zum liberalen Programm und war von andernebenso deutlich, nur minder geschickt ausgesprochen worden. Diekünstlerische Form gab diesen Angriffen ein ganz anderes Relief,sie hob sie über den Meinungsstreit des Tages hinaus und machtedie Tendenz zu einer sieghaften Gewißheit, gegen die es keinenWiderspruch gab. Das Objekt ist durch das Subjekt völlig über-wunden. Alle zeitlichen Schlacken fallen, und aus den Scherbensteigt der befreite Geist siegreich empor und lacht über eine zer-