Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
245
Einzelbild herunterladen
 

Buch Le Grand

245

in die Reihen der Bonapartisten führte. Damals griff er zu denBüchern der Las Cafes, O'Meara und Antomarchi, die den Kaisernach St. Helena begleitet, bis zu seinem Tode umgeben hatten undnull als Verfasser sentimentaler Erinnerungen an Napoleon denMarkt und die Phantasie Europas beherrschten. Diese Memoirenund der ebenso phantasievolle Sogur haben Heine das Bild seinesHelden geliefert, aber wenn der Dichter historisch unzuverlässigeQuellen benutzte, so darf man ihm so wenig einen Vorwurf darausmachen wie Shakespeare aus dem Gebrauch seines Holinshed oderSchiller aus dem des Saint-Rsal. Woher der Dichter seinen Stoffbezieht, hat höchstens ein biographisches Interesse. Seine Helden,mögen sie Don Carlos, Richard III. oder Napoleon Bonaparteheißen, haben mit den Männern der Wirklichkeit nichts als denNamen gemeinsam. Der Dichter stellt, wie Goethe richtig bemerkt,sittliche Wesen dar und er erweist gewissen Personen aus der Ge-schichte die Ehre, seine Gestalten mit ihren Namen zu bezeichnen.Es kommt hier nicht darauf an, Heine von dem Vorwurf über-triebener Franzosenfreundlichkeit oder dem mangelnder Vaterlands-liebe zu reinigen, er hat Deutschland oft in der abscheulichstenWeise geschmäht, sondern wir wollen die richtige Betrachtungsweisefür ein großes Kunstwerk gewinnen, wir wollen diese Meister-schöpfung genießen, ohne an die Menschen der Wirklichkeit auchnur zu denken, wir wollen vor diesen Napoleon hintreten wie vorein Standbild Michelangelos oder Donatellos, bei dem wir über-haupt nicht die Frage aufwerfen, wer die dargestellten Persönlich-keit gewesen sei.

Heute besitzen wir den erforderlichen historischen Abstand, umdas BuchLe Grand" als reines Kunstwerk zu betrachten. DieZeitgenossen vermochten es selbstverständlich noch nicht. Der Ver-fasser selbst sagte in seiner Kritik des Michael Beerschen DramasStruensee", die er kurz danach veröffentlichte, daß es nie diePoesie an sich sei, was der Produktion eines Dichters Zelebritätverschaffe. Wo wir heute ein Kunstwerk sehen, sah man vor hundertJahren eine Streitschrift, für und gegen die man in der schärfsten