^ Napoleonlegcnde^ 2Z5
Victor Hugo literarisch wurde, hat mit der Bewunderung Goethesoder Hegels grundsätzlich nichts zu tun. Sie bewunderten inNapoleon das ungeheure menschliche Phänomen, die Weltseele, wieder Philosoph sich ausdrückte, frei von allen politischen Tendenzen.Immerhin haben sie dem neuen Napoleonknltus vorgearbeitet, under hätte niemals in Deutschland so viel Boden gewonnen, wennsich nicht die Namen der beiden größten lebenden Deutschen mitdem Napoleons in der Vorstellung der Gebildeten verbunden hätten.Goeche stand den Liberalen sonst unbequem fern, und erst auf demUmweg über Napoleon gewannen sie ein freundliches Verhältniszu ihm. Der tote Bonaparte war eine Macht; für die Regierenden,den Adel und alle Privilegierten eine ständige Mahnung, daßihr Reich und ihre Rechte nicht von Dauer seien, für die Liberalendagegen eine Gewißheit, daß die Idee sich durchsetzen müsse, daßsie stark in dem Schwachen sei wie in dem kleinen Advokatensohn,dem sie plötzlich die Welt zu Füßen legte. Konnte der Geist diesesWunder nicht wiederholen? War er in anderen nicht ebenso mächtig?Klang der Name Bouaparte gehaltvoller als Lord Byron, Ben-jamin Constant, Rotteck oder gar Heinrich Heine? Sie alle sindTräumer der Napoleonlegende.
In der „Harzreise" hatte sich der Dichter auf den Boden derliberalen Partei oder, da es eine solche nicht gab, auf den Bodender liberalen Weltanschauung gestellt. Für den Rheinländer lagdas sehr nahe, für den Juden war es durchaus nicht selbstver-ständlich, wie es heute erscheint. Unter den damaligen Demokratenherrschte eine starke antisemitische Strömung, viele von denliberalen Professoren traten öffentlich gegen die Juden auf, wieauch die Burschenschaften teilweise keine Israeliten aufnahmen, javereinzelt die mosaischen Studenten von den Universitäten aus-zuschließen versuchten. Heine selbst hatte vor wenigen Jahren anseinen Schwager geschrieben: „Obfchon ich in England ein Radikalerund in Italien ein Carbonari bin, gehöre ich doch nicht zu denDemagogen in Deutschland; aus dem ganz zufälligen und gering-fügigen Grunde, daß bei einem Siege der letzteren einige tausend