234
IX, Zwischen Dichtung und Politik
Schmach, ein Deutscher zu sein. Wenn ein Engländer damals er-klären konnte, es gebe kein feigeres und niederträchtigeres Volk alsdie Deutschen, so erregte das diesseits des Kanals wohl Erbitterung,aber der laute Widerspruch blieb aus. Der Mann sprach ja nuraus, was gerade die Besten mit knirschender Scham empfanden undnur nicht zu äußern wagten. Ein guter Patriot wie Rotteck iuFreiburg verkündigte öffentlich, daß bei einem Konflikt zwischenden absoluten deutschen Staaten und dem konstitutionellen Frankreichein Liberaler gegen sein Vaterland Partei ergreifen müsse. DasNationalgefühl war am Erlöschen. Süd- und Westdeutschland hattendie Begeisterung der Freiheitskriege nicht verspürt. Die napoleonischeZeit war für sie keine Periode der Unterdrückung, sondern desWaffenruhmes, der Vergrößerung und teilweise sogar des materiellenWohlstandes gewesen. In jeder guten Stube hing noch das Bild desKaisers auf dem Ehrenplatz. Diese Erinnerungen machten diedeutschen Gaue besonders empfänglich zur Aufnahme der napo-leonischen Legende, die von Frankreich aus mit geschickter politischerBerechnung in die Welt gesetzt wurde. Schon bald nach Waterloobegann das Mitleid mit dem gestürzten Titanen, man hatte dasGefühl, daß man das Große vernichtet habe, damit die Kleinensich austoben konnten. Die armselige Gegenwart unterstützte dieseAuffassung. Man vergaß in Deutschland aus Sentimentalität, inFrankreich aus Politik all das Unheil, das Bonaparte über dieWelt gebracht hatte, und sah in ihm nur den Sohn der Revolu-tion, den Anbahner der neuen Zeit, den Feind der Dynastien, desalten Adels und des Klerus, kurz aller Mächte, die den Liberalenein Greuel waren. Er erschien als Volksbeglücker, als Rächeraller Unterdrückten, als siegreicher Vorkämpfer der Vernunft gegendas verjährte Unrecht der Geschichte. Wenn der größte Philosophdes Tages, Hegel, den Kaiser als die Emanation der Idee pries,so war es kleineren Geistern unbenommen, diese Idee als dieliberale Idee zwar weniger philosophisch, dafür aber aktueller auf-zufassen.
Die Napoleonlegende des Liberalismus, die mit Boranger und