Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
207
Einzelbild herunterladen
 

Heimkehr

207

Form behandelt, aber mit „Almansor" (I, 143) sind wir im Gebietder reinen Kunst, und so kommt es gar nicht darauf an, ob manden Standpunkt des Verfassers teilt oder nicht. Anders bei demzweiten Gedicht (1,140). Die Geschichte der antisemitischen Alkalden-tochter, die den jüdischen Ritter liebt, ist gewiß sehr witzig, vielleichtdas Witzigste, was Heine geschrieben, aber der letzte Eindruck istdoch, daß wir die Frage aufwerfen, ist das wahr? Hat es sichwirklich ereignet? Der Dichter hat uns nicht über das Stofflichehinausgehoben. Er selbst hat bejaht, daß es sich um ein wirklichesGeschehnis handelte und daß er der Held der Geschichte war, mitdem Unterschied, daß sie nicht in Spanien, sondern in Berlin spielte.Und weil er der Held war, erschien ihm das Gedicht bitter ernst-haft und er wollte nicht, daß die Freunde darüber lachten. Es istein Abenteuer des vr. Heine, das für ihn persönlich biographischenWert haben mochte, aber keine Poesie enthält. Einen voll be-friedigenden Eindruck hinterläßt von diesen fünf Gedichten nur die„Wallfahrt nach Kevlaar" jl, 146). Sie erschien zuerst 1822, wenigeWochen, bevor der Verfasser als ordentliches Mitglied dem be-kannten jüdischen Verein beitrat, aber keinem katholischen Dichter,weder Eichendorff noch Brentano, ist es gelungen, den poetischenGehalt des volkstümlichen Wunderglaubens so tief zu erfassen. Inder Kunst gibt es keine Religion, es gibt nur künstlerische Eindrücke,und der Eindruck dieses Gedichtes ist so stark, daß jeder Leser,welcher Konfession er auch angehöre, ob er glaube oder nicht glaube,die Hände faltet und andächtig leise mit der Mutter wiederholt:„Gelobt seist du, Marie." Der Einwand, der erhoben ist, Heinehabe das katholische Wunderdogma nicht verstanden, geht uns garnichts an, den Wunderglauben hat er verstanden, und dieser Glaubetut Wunder in seinem Gedicht.

Die „Reisebilder" enthielten an Poesie noch den Nsten Zyklusder „Nordsee", bestehend aus zwölf Gedichten. Schon in der „Heim-kehr" befanden sich mehrere Seestücke, aber diese kleinen Stimmungs-bilder genügten dem gewaltigen Eindruck nicht, den der Dichtervom Meere empfangen hatte. Die regelmäßige Form, die er dort