200
VIII. Die ersten Reisebilder
schalkhaften Lieder der tändelnden nnd spielenden Erotik werden wirdazu rechnen, die meistens als Gedichte der „niederen Minne" kurzer-hand beiseite geschoben werden. Es wurde schon beim „LyrischenIntermezzo" ausgeführt, daß es in der Kunst keine Höhenunterschiedegibt, denn alles, was die Kunst ergreift, ist hoch. Die Wirkungdurch den Stoff ist nnkünstlerisch, die Wirkung durch die Formkünstlerisch. Ein Gedicht wie das folgende:
O, mein gcnädiges Fräulein, erlaubtmir kranken Sohn der Musen,daß schlummernd ruhe mein Sängerhauptauf eurem Schwancnbuseu!
„Mein Herr! wie können Sie es wagen,mir so was in Gesellschaft zu sagen?"
bleibt immer ein mehr oder weniger pikantes Erlebnis des I)r. HeinrichHeine und hat als solches mit der Poesie nichts zu tun. Der DichterHeine tat recht daran, daß er dieses und einige andere Gedichte indas „Buch der Lieder" nicht aufnahm. Die beiden HusarengedichteNr. 73 nnd 74 dagegen sind reine Poesie, und ob diese Geliebtemit ihren wechselnden Neigungen und ihrer Vorliebe für blaueUniformen uns im Leben Achtung abnötigen würde, ist eine Frage,die wir überhaupt nicht aufwerfen und noch weniger zu beantwortenhaben. Diese echt poetischen Lieder der „Heimkehr" verlieren leiderdurch die Nachbarschaft anderer, nicht gleich gestimmter Gedichte,mit denen der Verfasser sie zusammenstellte, nur um einen neuen,fortlaufenden Zyklus zu schaffen.
Ein Dichter, der nun zum dritten Male mit der Geschichte einerunglücklichen Liebe in Versen vor dem Publikum erscheint, mußdas Gefühl haben, daß er sich wiederholt. Er muß befürchten, daßihn die Leser nicht mehr ernst nehmen und muß sich mit demPublikum auseinandersetzen. Er läßt sich (Nr. 42) die Frage vor-legen:
„Teurer Freund! Was soll es nützen,stets das alte Lied zu leiern?
Willst du ewig brütend sitzenauf den alten Liebes-Eiern?