Besuch bei Goethe 179
neben ihm den Adler sähe mit den Blitzen im Schnabel. Ich warnahe dran, ihn griechisch anzureden; da ich aber merkte, daß erDeutsch verstand, so erzählte ich ihm auf deutsch, daß die Pflaumenauf dem Wege zwischen Jena und Weimar sehr gut schmeckten. Ichhatte in so manchen langen Winternächten darüber nachgedacht, wieviel Erhabenes und Tiefsinniges ich dem Goethe sagen wurde, wennich ihn mal sähe. Und als ich ihn endlich sah, sagte ich ihm, daßdie sächsischen Pflaumen sehr gut schmeckten. Und Goethe lächelte.Er lächelte mit denselben Lippen, womit er einst die schöne Leda,die Europa, die Danae, die Semele und so manche andere Prin-zessinnen oder auch gewöhnliche Nymphen geküßt hatte."
An diesem lange nach dem Ereignis, ja nach Goethes Tod verfaßtenBericht ist nur das eine zutreffend, daß das Gespräch der beidenDichtersich in gleichgültigen Bahnen bewegte. Das wird durch MaximilianHeines Erinnerungen bestätigt, jedoch kam nach seiner Angabe dieUnterhaltung zu einem unerfreulichen, schnellen Abschluß. Goethefragte den Besucher, womit er sich jetzt beschäftige, und als er dieAntwort erhielt „mit einem Faust", brach er die Unterhaltungschroff und unvermittelt ab. Heine selbst schwieg zunächst über dieBegegnung, erst auf das Drängen der Freunde verstand er sich zuzwei Äußerungen, denen man, obgleich sie erst aus dem Sommerdes folgenden Jahres stammen, die Erregung und Gereiztheit an-hört. In einem Brief an Christiani, dessen rückhaltlose Goethe-verehrung er oft verspottet hatte, beklagt er die menschliche Hin-fälligkeit des Dichters, rühmt aber dessen Teilnahme an seiner Ge-sundheit und stellt fest, daß gerade diese persönliche Unterhaltungihm den tiefen Gegensatz zwischen Goethe und ihm selber sowieden Grund, warum die Schriften des Meisters ihn stets zurück-gestoßen, offenbart habe. Noch schärfer spricht er sich in einem Briefan Moser aus, dessen Gefühle er weniger zu schonen brauchte alsdie des Lüneburger Goetheschwärmers. „Daß ich dir von Goethenichts geschrieben, und wie ich ihn in Weimar gesprochen, undwie er mir recht viel Freundliches und Herablassendes gesagt, daranhast du nichts verloren. Er ist nur noch das Gebäude, worin
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