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VI. Die Tragödien
Nationen, in Satte und in Hungerleider", die in beständiger Fehdeliegen. Das sind gewiß starke Worte, aber doch nur Worte, diedurch die Handlung nicht gerechtfertigt werden. Ratcliff, der be-lastete Sohn und Erbe eines Nebelmenschen, ist der letzte, der seinVerbrechen auf die Gesellschaft abwälzen darf. Da hatte es Schillerschon ganz anders verstanden, Karl Moor und seine Anhänger alsOpfer einer ungerechten Weltordnung hinzustellen. Aber weder inden „Räubern" noch in Heines Tragödie tritt uns eine sozialistischeWeltanschauung entgegen. Hier wie dort handelt es sich um dasgroße Einzelwesen, das durch seine Größe antisozial ist und in-folge der Mißgunst der Philister den ihm zukommenden bevor-zugten Platz am Mahle des Lebens nicht einnehmen kann. DieGrundanschauuug ist individualistisch, nicht sozialistisch und die An-klagen gegen die Gesellschaft gehen nicht über das hinaus, was dieklassische Nationalökonomie, besonders Malthus, längst ausgesprochenund in ein System gebracht hatte.
Nicht diese Kritik an den wirtschaftlichen Zuständen ist für diedamalige Auffassung des Dichters von Bedeutung, sondern eher diekurze Rede des Douglas:
Die Patrioten liegenin dunkeln Schenken und politisieren,und subskribieren, Metten, fluchen, gähnenund saufen auf das Wohl des Vaterlandes.
Im „Almansor" hatte Heine einen scharfen Trennungsstrich zwischensich und dem Christentum gezogen; hier im „Ratcliff" spürenwir das erste Anzeichen, daß der ehemalige Burschenschafter undArminiusschwärmer sein Verhältnis zu Deutschland einer Nach-prüfung unterzog. Es ist nur ein leichter Spott, aber der ersteSchritt mußte weiterführen. Er stand im Begriff zu verbrennen,was er einst angebetet hatte.
Schon während der Niederschrift waren dem Dichter Zweifelan dem Wert des „Almansor" gekommen. Er blieb ihm immer„unheimlich", er erkannte, daß er nicht „drastisch", zu breit an-gelegt und zu wortreich sei, er meinte, daß das Stück zwar Auf-