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VI, Die Tragödien
„Was ist dein Schwert von Blut so rot?
Edward? Edward?" —
Da sprang ins Zimmer plötzlich Edward Ratcliff,und sang im selben Tone trotzig weiter:
„Ich habe geschlagen mein Liebchen tot,mein Liebchen war so schön, oh!"
Darüber entsetzte sich Schön-Betty so sehr, daß sie Edward nimmerwiedersehen wollte; um ihn zu ärgern, heiratete sie den Laird Mac-Gregor, und Edward nahm aus Verzweiflungstrotz eine andereFrau, die ihm den Helden unseres Stückes, William Ratcliff, ge-bar. Auch Schön-Betty gab einem Kinde, Maria, das Leben, undbald nachher flammte in beiden Vermählten die alte Liebe auf.Edward Ratcliff nahte sich dem Schlosse Mac-Gregors, Schön-Betty streckte ihm verlangend aus dem Fenster die Arme entgegen,aber Mac-Gregor war Zeuge dieser Szene; am andern Morgen lagEdward erschlagen an der Schloßmauer und Schön-Betty starbvor Schreck. Beider Sinn und Schicksal, Leben und Lieben hatsich nun fatalistisch auf ihre Kinder vererbt, denen sie als zweiNebelgestalten erscheinen, die sehnsüchtig die Arme nacheinander aus-strecken, ohne sich erreichen zu können. Als Student besucht Wil-helm Ratcliff auf einer Ferienreise zufällig Mac-Gregors Schloß,er sieht Marien und erkennt in ihr das Nebelbild seiner Träume;das dunkle Urgeheimnis seines Lebens ist ihm plötzlich erschlossen;er liebt Marien mit aller Leidenschaft seiner jungen Seele und siescheint seine Liebe zu erwidern, sie spielt und scherzt mit ihm, sieküßt ihn und läßt sich küssen — doch als er endlich vor ihr nieder-kniet und sie fragt: Maria, liebst du mich st, da ist er ihr plötzlichein unheimliches Gespenst, das dem Nebelmanne gleicht, den auchsie oftmals im Traum erblickte, mit seltsam scheuen Blicken undfast mit Widerwillen sieht sie ihn an,
Und höhnisch knixend spricht sie frostig: Nein!
Der trotzig spröde Geist ihrer Mutter ist in sie gefahren, wieEdwards wilder Geist in seinen Sohn William. Dieser verläßtdas Schloß und reist nach London. Vergebens sucht er im Ge-