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Heinrich Heine
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VI Die Tragödien

erneuern. Die Schicksalsidee blieb ein Gewächs ohne Wurzel. Daranwar Schiller gescheitert, und was ihm mißlungen war, vermochtenZacharias Werner, Müllner, Houwald und selbst Grillparzer erstrecht nicht zu erreichen, wenn sie auch vorübergehend geräuschvolleBühnenerfolge davontrugen. In ihren Stücken herrscht ein blind-wütiger Zufall, der sich einen Spaß daraus macht, die Menschenzugrunde zu richten. Sie sind sensationell, aber nicht dramatisch,denn das Wesen des Dramas besteht gerade darin, das Schicksalin seiner Planmäßigkeit zu enthüllen und die scheinbaren Zufällig-keiten des Lebens zur Notwendigkeit zu erheben. Der Zufall nimmtin diesen Stücken zumeist eine symbolische Gestalt an, sei es ineiner Mordwaffe, die automatisch tötet, sei es in einem Gespenst,das im Grabe keine Ruhe findet. In der „Ahnfrau" des jungen Grill-parzer, die seit 1817 mit großem Erfolg die deutschen Bühnen heim-suchte, verkörpert sich das „Schicksal" in der Stammutter desGeschlechts, die mit Genugtuung sieht, daß die Enkelin ihr Lebenfortsetzen und ihre Schuld büßen muß. Heine hat die Idee ver-doppelt, aber sie hat bei der Verdoppelung nichts gewonnen, wohlaber an Bühneneffekt verloren. Sowohl das Leben der Heldin wiedas des Helden ist schon einmal gelebt worden, ohne zum schicksals-mäßigen Abschluß zu gelangen. So spuken die Eltern als Neben-menschen auf dem Theater herum, während die Kinder handelndund redend auftreten.

Die Ähnlichkeit des „Ratcliff" mit der „Ahnfrau" ist unabweisbar.Hier wie dort handelt es sich um den Untergang eines alten Geschlechtes.Mac-Gregor hat seine Gattin genau so wie Graf Borotin aus berech-tigter Eifersucht umgebracht, und der wilde Räuber Jaromir ist dergleiche Typus wie Heines William. Beide Stücke sind ein Gebräu ausder damals beliebten Ritter-, Räuber- und Gespensterromantik. UnsreDichter konnte sich ihr so wenig entziehen wie Grillparzer, obgleicher theoretisch sehr abfällig über die Schicksalstragödie urteilte unddie Schicksalsidee als ein „unerquickliches, schädliches Surrogat"bezeichnete, „ganz widersprechend dem Geiste des Christentums".Aber er hielt trotzdem Müllner, den Meister der Schicksalstragödie,