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VI. Die Tragödien
Die Inhaltsangabe beweist, daß die Vorgänge einen branch-baren dramatischen Kern enthalten, sie beweist aber auch, daß Heineden Schatz nicht gehoben hat, daß er nicht vermochte, den wirk-samen Konflikt zwischen Spaniern und Muhamedanern zum Schicksalzu erheben. Er hat sich seine Aufgabe denkbar schwer gemacht.Schon in einem Göttinger Brief an Steinmann zweifelte er an derdramatischen Kraft seiner Tragödie. Er habe versucht, romantischenGeist mit streng plastischer Form zu verbinden wie Schlegel im„Jon" und deshalb die drei Einheiten gewahrt, die Personenzahlbeschränkt und den preziösen Dialog der Racineschen „Phädra" undder Voltaireschen „Zaire" nachgebildet. Er hielt die Einheiten, wie erin seiner Besprechung von „Tassos Tod" auseinandersetzte, zwar nichtfür eine Notwendigkeit, aber doch für den „herrlichsten Schmuck einesDramas" und das „Siegel der höchsten Vollendung". Der „Almansor"ist also, wie der Verfasse? selber zugibt, in ausgesprochen literarisch-polemischer Absicht geschrieben, er sollte das dramatische Programmder Romantik an einem Musterbeispiel erläutern. Bis zu einemgewissen Grad mag eine Einwirkung Schlegels vorliegen. Vielleichterwartete er von seinem begabten Schüler die Lösung einer Auf-gabe, die weder ihm noch seinem Bruder Friedrich gelungen war.Aber der erfahrene Kenner der Weltliteratur hat dem Anfängersicher nicht geraten, einen romantischen Stoff in klassischer Form zubehandeln. Sein eigentlicher Führer war wieder Byron. SeineTragödien, mit Ausnahme des älteren „Manfred",.erschienen zwarerst 1821/22, aber es war bekannt, daß der edle Lord, der Ver-treter des schrankenlosesten Subjektivismus im Leben, dem strengstenRegelzwang in der Tragödie huldigte. Ob es aus Widerspruchgegen seine Feinde, die Coleridge und Genossen, geschah, die diegrößten Verehrer Shakespeares waren, ob aus Originalitätssuchtoder aus einer inneren Neigung zum Klassizismus, kann hier un-erörtert bleiben. Byron, und mit ihm sein Gefolgsmann Heine,übersah, daß die Form des Dramas kein literarhistorisches Experimentist, daß sie nicht auf Willkür beruht, sondern nur den organischenAusdruck der seelischen Stimmung darstellt und als solcher wieder