Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
126
Einzelbild herunterladen
 

126 V. Erste Dichtungen

Selten hat ein großer Dichter sein eigenes Schaffen so ver-standesklar erkannt und doch wieder verkannt. Daß Heine die ro-mantische Schätzung des sog. Volksliedes teilte, war damals selbst-verständlich. Wie alle seine Zeitgenossen verwechselte er Volksliedund volkstümliches Lied. Eine klare Einsicht in das Wesen dieserVolkstümlichkeit besaß keiner von ihnen, aber Heine hatte recht,daß er sie als einen erstrebenswerten Vorzug betrachtete und sieseinen Gedichten nachrühmte. Sie besteht darin, daß die in derKnnstlyrik verlorene Einheit von Wort und Ton wiederhergestelltwird, daß seine Lieder gesungen werden können. In der ältestenZeit war der Dichter zugleich Spielmann, Komponist und Sängerseiner Poesie. Das Lied entstand aus der Musik. Die Entwicklunghat Wort und Ton getrennt, und die volle Einheit ist nie wiedererreicht worden, selbst in solchen Fällen nicht, wo der Dichter dieMusik zu seinen Worten, der Musiker den Text zu seinen Notenverfaßte. Der Zwiespalt läßt sich nicht mehr überbrücken, und dasHöchste, was der Dichter erreichen kann, ist, sangbare Lieder zuschreiben. Das ist die wahre Volkstümlichkeit und die hat sichHeine am Vorbild Wilhelm Müllers erworben. Beide haben nnsernTonsetzern die beliebtesten Texte geliefert. Müllers Beispiel zeigtedem Nachfolger, daß man die Sangbarkeit in der Sprache derGegenwart erreichen könne, ohne zu dem veralteten Wortschatz dessog. Volksliedes zu greifen. Diese störenden, altertümelnden Wen-dungen derJungen Leiden" fehlen in demIntermezzo", der Aus-druck ist rein und gepflegt.

Derkonventionelle Inhalt", in dem Heine einen Gegensatzund einen Mangel im Vergleiche zu Müller sieht, ist aber keinNachteil, sondern in ihm beruht der große Fortschritt, den dieLyrik durch unfern Dichter gemacht hat. Ein Kritiker bezeichneteihn gleich bei seinem ersten Auftreten als den Dichter desbisrsat-at", des dritten Standes. Der Ausdruck sollte damals besagen,daß der neue Autor von dem romantisch-aristokratischen Plunderjener Tage nichts wissen wollte, er besitzt aber eine viel weit-gehendere Bedeutung. Heine hat aus dem Empfinden des damaligen