Die Sittlichkeit
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nicht!" Rede nicht von dir, sondern zeige, daß du in einer Sphäreheimisch bist, in der wir durch deinen Zauber ein nicht moralisch,sondern künstlerisch geläutertes und gesteigertes Leben führen wollen,frei von der groben Stofflichkeit, die uns hier wie ein Klotz amBein hängt.
Wir brauchen heute Heine, wenigstens den Heine des „Inter-mezzo", nicht mehr gegen den Vorwurf der Unsittlichkeit zu ver-teidigen. Unsere modernen Dichter haben die Grenze des poetischZulässigen so weit hinausgerückt, daß wir den Anstoß kaum be-greifen, den einzelne Gedichte selbst bei unvoreingenommenen Gemüternvor hundert Jahren erregten. Vieles, was damals nur die verketzertenAnhänger der „Emanzipation des Fleisches" zu denken wagten, wirdheute ausgesprochen und selbst von jungen Mädchen ohne Scheu ge-lesen. Ein Gedicht wie das folgende (II, 13) wurde von den Zeit-genossen mit Empörung abgelehnt:
Du sollst mich liebend umschließen,geliebtes, schönes Weib!
Umschling mich mit Armen und Füßenund mit dem geschmeidigen Leib.
Gewaltig hat umfangen,umwunden, umschlungen schondie allerschönste der Schlaugenden glücklichsten Laokoon.
Man fand diese Ausmalung der leidenschaftlichen Umarmung zustark und zu offen. Der Dichter nahm das Lied nicht mehr in das„Buch der Lieder" auf und er hat recht daran getan. Nicht auszeitlich-moralischen, sondern aus ästhetischen Gründen. Das Gedichtist schlecht. Der erste Vers enthält eine flache Reimerei, der zweiteeinen unsinnigen und unsinnlichen Vergleich. Heine kannte offenbardie Laokoon-Gruppe nur in einer ganz ausdruckslosen Wiedergabe,sonst hätte er dieses schmerzverzerrte Gesicht nicht zur Veranschau-lichnng eines sinnlichen Rausches verwendet. Seine Vorstellung ver-sagt, und was er bietet, beleidigt nicht die Moral, aber um so ärgerdie Phantasie des Lesers.