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Heinrich Heine
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V. Erste Dichtungen

geworden ist. Er muß sich vor den heute beliebten Versuchen hüten,das Leben des Menschen und die Kunst des Dichters zur Deckungzu bringen. Die Gleichung wird niemals aufgehen, weil sich zwischendie beiden Teile eine inkommensurable Größe schiebt, der schaffendeGenius, den wir nur in seinen Wirkungen beobachten, nicht aberin seinen Ursachen erklären können.

Wenn wir an der Ansicht festhalten, daß die Kunst keine Nach-ahmung des Lebens ist, keine Wiederholung des eigenen Erlebnissesin verschönter Form, sondern eine andere höhere und reinere Daseins-sphäre, so fällt auch die übliche Scheidung des Intermezzo in Liederder höheren und niederen Minne. Sie ist ausschließlich stofflicherArt. Man weiß, daß der Dichter seine Cousine Amalie ohne Erfolggeliebt hat, folglich müssen die Gedichte, in denen die Geliebte ihmdas rote Mündchen reicht (Nr. 12), ihn an ihren Busen sinkenläßt (13), oder in denen sie den Vorwurf hören muß, sie habekeinen guten Charakter (15), an eine Dame gerichtet sein, die mitihren Gunstbezeugungen weniger zurückhaltend war. Im Leben magdas richtig sein, die Kunst wird von solchen Unterscheidungen garnicht berührt. Dort fragen wir ja nicht, hat sich das alles zu-getragen, hat es sich nnt einer, zwei oder noch mehr Damen ereignet,denn jede solche Frage würde uns aus dem Gebiet der reinenKunst herausführen und wieder zum Rohstoff zurückbringen. DieErotik hat ihre volle Berechtigung in der Kunst, vom gefälligTändelnden bis zum leidenschaftlich Orgiastischen. Weder durchAuslegungskünste noch durch falsche Moral wollen wir uns dieFreude am „Hohen Lied", an den antiken Lyrikern oder an GoethesElegien verkümmern lassen, aber eine Bedingung muß gewahrtwerden, diese Erotik muß Kunst bleiben; sie darf nicht in die Sphäredes eignen Erlebnisses hinabsinken. Wir wissen, daß Alkäus,Properz, Goethe oder gar Heinrich Heine ihr Teil des Mensch-lichen und Allzumenschlichen besaßen. Der Biograph darf darannicht vorübergehen, aber wenn uns die Herren von ihren Liebes-abenteuern unterhalten wollten, so würden wir eine derartige Unter-haltung dankend ablehnen. Hier heißt es: „Bilde, Künstler, rede