Die Stimmung
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So hat sich Shakespeare das poetische Schaffen vorgestellt, nicht als einmühsames Zusammentragen des Stoffes, wie es die Philologenschildern, nicht als ein Kleben am Erlebnis, wie es die Kunsttheoretikervon heute erklären. Heine wußte, daß man den ästhetischen Gehalt seinerLyrik auf das schwerste schädigte, wenn man sie in Beziehung zuseinem Leben brachte. Und darin hat er recht. Denkt man beiseinen Gedichten an die Hamburger Verwandtschaft, an die „schmutzigeSippschaft", wie er sie selber genannt hat, so treibt man die Poesieaus. Darin liegt die letzte Ursache der ungünstigen Heinekritik. Manverwechselte den Dichter und den Menschen, und nach der Erlebnis-theorie lassen sie sich ja auch nicht auseinanderhalten. Man wargezwungen, den einen mit all seinen Schwächen und Fehlern, diehier gewiß nicht geleugnet werden sollen, in der Dichtung wieder-zufinden. Und man fand sie. Man fand, daß er unmoralisch, leicht-fertig, verlogen, unaufrichtig — und wer weiß was! — sei; lauterVorwürfe, die, selbst, wenn sie auf den Menschen Heine zutreffen,für den Dichter überhaupt nicht in Frage kommen, Eigenschaften,die vielleicht dem Rohstoff anhaften, aber in die Region der reinenKunst nicht hinausragen. Für die ästhetische Aufnahme eines Ge-dichtes ist es vollkommen gleichgültig, ob Heine Josefa, Amalie oderTherese und ob er sie wegen ihrer Schönheit oder wegen des väter-lichen Geldes geliebt hat; von all den irdischen Motiven bleibt inPoesie nichts übrig als die Liebe eines Dichters. Die Geschöpfe derDichtung bestehen nur in der Kunst und durch die Kunst, gleich-gültig ob es sich dabei um ein Drama oder ein lyrisches Gedichthandelt. Shakespeares Othello hat mit dem wirklichen Moro, derauf Zypern seine Frau totschlug, nicht mehr zu tun als die Personendes „Intermezzo" mit dem Chef der Firma „Harry Heine k Co."und seiner Cousine. Ihr Lebenselement ist die Kunst und außer-halb dieses Elementes haben sie vor hundert Jahren so wenigexistiert wie heute. Der Biograph eines Dichters kann seiner Auf-gabe nur gerecht werden, wenn er sich zunächst seiner eigenen Un-zulänglichkeit bewußt wird. Er kann wohl die Einflüsse darlegen,unter denen, aber nicht die Kräfte, durch die sein Held zum Dichter