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V> Erste Dichtungen
dem 10. Januar 1823 an Jmmermann: „Nur etwas kann michaufs schmerzlichste verletzen: wenn man den Geist meiner Dich-tungen aus der Geschichte des Verfassers erklären will. Es kränktemich tief und bitter, als ich gestern im Briefe eines Bekanntenersah, wie er sich mein ganzes Wesen aus zusammengerafftenHistörchen konstruieren wollte und unerquickliche Äußerungen fallenließ über Lebenseindrücke, politische Stellung, Religion usw. . . .Wie leicht auch die Geschichte eines Dichters Aufschluß geben konnteüber sein Gedicht, wie leicht sich wirklich nachweisen ließe, daß oftpolitische Stellung, Religion, Privathaß, Vorurteil und Rücksichtenauf sein Gedicht eingewirkt, so muß man dennoch dieses nie er-wähnen, besonders nicht bei Lebzeiten des Dichters. Man entjungfertgleichsam das Gedicht, man zerreißt den geheimnisvollen Schleierdesselben, wenn jener Einfluß der Geschichte, den man nachweist,wirklich vorhanden ist; man verunstaltet das Gedicht, wenn manihn fälschlich hineingegrübelt hat. Und wie wenig ist oft das äußereGerüste unsrer Geschichte mit unsrer wirklichen innern Geschichtezusammenpassend! Bei mir wenigstens paßt es nie." Es entsprichtdieser Auffassung Heines, wenn ihm wesentlich später Franz Lisztoffenbar in seinem Sinne schrieb: „Unter uns Künstlern herrscht dergroße Mißgriff, daß einer den andern nicht nur in seinen Werken,sondern auch in seiner Persönlichkeit beurteilt."
Dieser Mißgriff herrscht noch heute, ja er ist sogar von denLiterarhistorikern in ein System gebracht worden. Man knüpfte aneinzelne Äußerungen Goethes, daß seine Werke nur Gelegenheits-gedichte seien, an und fand das Wesen der Kunst in dem Erlebnisdes Künstlers. Man stellte es so hin, als ob er nur etwas zu er-leben brauche und als ob sich dieses Selbsterlebte unter eineminneren Zwang zur Poesie gestalte. Gegen diese Auffassung wendetsich Heine. Er zeigt, daß zwischen dem Erlebnis und der Dichtungeine weite Kluft besteht und daß, selbst wenn sie zufälligerweisenicht besteht, das Zurückgreifen auf das Erlebnis eine Schädigungdes Kunstwerkes in sich birgt. Gewiß kann das eigene Erlebnisdem Dichter Anregung geben, es kann ihn locken, das Selbsterlebte