Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
109
Einzelbild herunterladen
 

Die Form

109

leer aus. Ganz in seiner Tonart heißt es in einem der frühestenLieder (2):

Aber wohl niemals liebten die Hören; —heimlich im grausamen Bunde verschworenspotten sie tückisch der Liebenden Hast,

Die stärkste Einwirkung aber hat das Volkslied ausgeübt oderdas, was man damals als Volkslied betrachtete. Die Begeisterungfür das Volkslied stammte aus der Zeit Herders und Goethes.Im Kampfe gegen den literarischen Regelzwang glaubten sie in dennamenlosen Liedern, die das Volk bei der Arbeit und auf der Land-straße sang, das Gegenteil der verachteten Kunstdichtung zu finden, diebis dahin vergebens gesuchte Natnrpoesie. Die Romantiker folgtenihnen, wenn sich ihre Bewunderung teilweise auch auf einen andernGesichtspunkt stützte. Das Volkslied, das keinen Verfasser besaß, er-schien ihnen als die Emanation des dichtenden Volksgeistes selber,der sich in unvordenklichen Zeiten schöpferisch offenbart hatte undneben andern Kleinigkeiten auch die UrHymnen der homerischenGesänge und die grundlegenden Rhapsodien des Nibelungenliedeshervorgebracht haben sollte. Sein unbewußtes, durch menschlicheBeihilfe nicht getrübtes Schaffen enthielt natürlich die Urform derPoesie, die reinste und höchste Dichtung,

Ein Volkslied in diesem Sinne gibt es nicht. Jedes Gedichtsetzt einen Verfasser voraus, mag auch sein Name vergessen odernie bekannt gewesen sein, so auch die sog, Volkslieder, Sie sprachenbesonders an, häufig weil sie eine Empfindung in der denkbarknappsten und klarsten Form zum Ausdruck brachten, ebenso häufigaber aus nichtästhetischen Gründen, weil sie der Sentimentalität,der Spottsucht der Masse zusagten oder sich der rhythmischen Be-wegung bei der Arbeit oder auf dem Marsche gut anpaßten. Siewurden beständig wiederholt, von einer Generation der nächstenüberliefert, ohne daß man den Namen des Autors bewahrte. Siefind nicht namenlos, sondern sie wurden es erst. Die meistensind auch nicht uralt, sondern stammen ans verhältnismäßig jungerZeit, immerhin enthalten sie vielfach älteres Sprachgut und dia-