100
V. Erste Dichtungen
des deutschen Volksliedes" geschrieben seien und daß die Traumbilder„mit keiner von allen vorhandenen poetischen Gattungen verglichenwerden können". Trotz dieses Lobes erhielt der Verfasser kein Honorar,sondern mußte sich mit vierzig Freiexemplaren begnügen.
Der Band mag sich ungefähr mit dem seinerzeit Brockhausangebotenen Manuskript decken, aber er enthält sicher nur einenkleinen Teil von dem, was Heine seit 1816 an Liedern gedichtet.Wenn er auch offenbar bemüht war, in der Hauptsache seine älterenPoesien herauszugeben und seine neueste Lyrik für eine spätereSammlung zurückhielt, so wurde doch alles ausgeschieden, wasseinem reiferen Können und seinem geläuterten Geschmack nichtmehr entsprach. Er selbst berichtet, daß er zahlreiche katholisierendeGedichte vernichtet habe, und es ist erstaunlich, daß eine Romanzewie „Die Weihe" (II, III), in der sich die Madonna auf Bittendes „frommen bleichen Knaben" unter übelstem Klingklang in eine„liebliche Maid" verwandelt
Und grüßet und lächelt mit kindlicher Freud'.
Und sieh! vom blonden Lockenhauptesie selber sich eine Locke raubte,und sprach zum Knaben mit himmlischem Ton:
Nimm hin deinen besten Erdenlohn!
erst im „Buch der Lieder" unterdrückt, in die „Gedichte" aber nochaufgenommen wurde. Vielleicht versprach er sich von der Süßlichkeitdieser Poesie, der nach seinen Berliner Anschauungen kein Platzmehr in der Sammlung gebührte, eine besondere Wirkung auf dasPublikum. Denn das müssen wir im Auge behalten, kein deutscherDichter hat die Herausgabe seiner Werke, ihre Ordnung und Zu-sammenstellung mit solchem Eifer, ja mit solcher Raffiniertheit be-sorgt wie Heine. Ein französischer Beurteiler nennt ihn 1s plusIrabils rnstcksur sn ssdns äs la poesis ullsinuncks, und derDichter selbst schrieb als reifer Mann an seinen Verleger: „Siewissen, daß der ordnende Geist zu meinen Haupteigenschaftengehört. . . . Die Gedichtsammlung so vieler deutscher Dichter würdedas Publikum mehr anziehen, wenn sie nicht durch Anarchie der