Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
88
Einzelbild herunterladen
 

88

IV. In der Hauptstadt

Gesellschaft in Berührung gekommen, bei Elise von Hohenhausen undRahel Varnhagen. Die erstere kannte er schon von Hamburg, jetzthatte sie sich in Berlin niedergelassen und in den wenigen Jahren132024, die ihr dortiger Aufenthalt dauerte, gelang es ihr, ihrenSalon zu einem der Mittelpunkte des literarischen Lebens zu machen.Die eignen Werke dergefühlvollen Dichterin" mit demsanften,für reine Ideale empfänglichen Gemüte", wie Heine sie nannte,sind längst vergessen und nur als eine der ersten ÜbersetzerinnenByrons wird sie noch in den Literaturgeschichten erwähnt. Sieschwärmte damals für den edeln Lord, hatte offenbar Heine schonin Hamburg auf ihren Lieblingsdichter hingewiesen und ihn ver-anlaßt, eines seiner Lieder zu übertragen; jetzt empfing sie den fünf-undzwanzigjährigen Studenten gern in ihrem Hause und proklamierteihn als den deutschen Byron, als den Nachfolger des Engländersin Deutschland. Das war nicht nur in der Meinung dieser Byron-schwärmerin das größte Lob, sondern überhaupt die denkbar höchsteAnerkennung. Es war schon etwas Großartiges, daß sich ein Deutschermit einem Ausländer vergleichen durfte, und nun gar mit Byron,der Europas Schmerzen trug und Europas Freiheitskampf kämpfte.Heine war bereit, seine Erbschaft anzutreten. Wenn er selber nochzagte, so ermutigten ihn die Besprechungen seiner ersten Gedichte,die ihn durchweg als Geistesverwandten des Engländers bezeichneten,wie es auch schon sein verehrter Meister Schlegel in Bonn getanhatte. Einem so schmeichelhaften Ruf konnte der Jüngling sich nichtversagen. In seinen Briefen spricht er jetzt häufig von Byron alsseinem Vetter" und bei dessen vorzeitigem Ende schrieb er demgetreuen Moser:Der Todesfall Byrons hat mich übrigens sehrbewegt. Er war der einzige Mensch, mit dem ich mich verwandtfühlte, und wir mögen uns wohl in manchen Dingen geglichenhaben. ... Ich las ihn selten seit einigen Jahren; man geht lieberum mit Menschen, deren Charakter von dem unsrigen verschiedenist. Ich bin aber mit Byron immer behaglich umgegangen wie miteinem völlig gleichen Spießkameraden."

Es ist schon darauf hingewiesen, daß Heines Jugendlyrik zum