Das Judentum
83
Gebrechen und seinem Gemauschel war ihm, dem Menschen wie demKünstler, unangenehm, das Judentum selbst unästhetisch, „keinegriechische Tragödie, die Furcht uud Mitleid" einflößt. Er konntesich wohl für die Idee des Judentums begeistern und pathetischausrufen: „Verwelke meine Rechte, wenn ich deiner vergesse, Jeruscho-laim!" Aber die Juden selber sagten ihm nichts. Er besaß nichtmehr „die Kraft, einen Bart zu tragen, zu fasten, zu hassen undaus Haß zu dulden". Dazu gehörte mehr als ein unbestimmtesGefühl der Stammeszugehörigkeit uud mehr als eine Idee, dazugehörte der Glaube, und der fehlte ihm. Von Anfang an ließ er,„der Verächter aller positiven Religionen", den Freunden keinenZweifel, daß er sich nicht zum „Champion der Religion der Menscheu-mäkelei" weder in hebräischer noch in verdeutschter Form auswerfenwerde, daß er nicht für die Religion, sondern nur für die poli-tischen Rechte und die bürgerliche Gleichstellung seiner „unglücklichenStammesgenossen" eintreten werde. Aber — fährt er fort — „dergermanische Pöbel wird meine Stimme hören, daß es in deutschenBierstuben und Palästen widerschallt". Der Mangel an Glauben,den andere wie Gans durch elegante Hegelsche Phrasen zu ver-decken wußten, hat Heines Eintreten für das Judentum ge-lähmt. Er war zu sehr Dichter, um mit Phrasen ohne Stimmungzu arbeiten. Der Aufsatz über den „großen Judenschmerz" bliebungeschrieben, nicht wegen der Kopfschmerzen, sondern weil der Ver-fasser sich die witzige Frage vorlegte, ob „der alte Freiherr vomSinai und Alleinherrscher Judäas ebenfalls aufgeklärt sei, seineNationalität abgelegt und seine Ansprüche und seine Anhänger zumBesten einiger vagen, kosmopolitischen Ideen aufgegeben habe?" Auchder „Rabbi von Bacherach" mußte Fragment bleiben, weil dieStimme des „pstibsnik ä'^instoräum", der dem alten Herrn sagte:„Lntrs norm, Nonoioui', vous n'oxisbo?: pus", in der Brust desDichters widertönte.
Es war für ihn eine schwere Enttäuschung, vielleicht die schwersteseines Lebens, daß ihm das Judentum, dem er sich mit der größtenBegeisterung und der freudigsten Hoffnung zugeschworen hatte, nicht