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IV. In der Hauptstadt
sich um Religion und Judentum herzlich wenig gekümmert, er hattefür die alte deutsche Kaiserherrlichkeit geschwärmt und hatte denGlaubensduft des Mittelalters eingesogen, aber ohne eine Über-zeugung hineinzulegen, mit dem Gefühl, daß dies alles nur einkünstlerisches, die Phantasie beschäftigendes und berückendes Spielsei. Nach seiner Abstammung und Erziehung konnte sich Heinedieser Romantik nur mit halbem Herzen hingeben. Er konnte sienicht voll mitmachen, konnte nicht in ihr aufgehen und sie nichternst nehmen wie seine Universitätsgenosseu. Das Gefühl blieb,daß ihre Sache nicht die seine sei, daß er anders war als die andern.Jetzt kam ihm die Enthüllung. Dieses Gefühl sprach die Wahrheit;er gehörte nicht zu dieser harmlosen Jugend, dieses Mittelalter, fürdas er geschwärmt, war nicht seine Vergangenheit, dieser Glaube,der in seineu Versen widerklang, nicht seine Religion. Er warein Jude, nichts als ein Jude. Jetzt drang die Stimme seinesVolkes zu ihm, und Heine zögerte nicht, ihr zu folgen. Er stelltesich freudig in die Reihen, in die er zu gehören glaubte, ein Judezu den Juden. Er war bisher bald hierhin, bald dorthin geschweift,hatte bald nach dieser, bald nach jener Idee gegriffen, ohne Be-friedigung und Selbstsicherheit zu erlangen. Der Mangel an Tra-dition ließ sich nicht überwinden. Jetzt endlich glaubte er festenBoden gefunden zu haben, jetzt stand er an der Stelle, wo erhingehörte, kein einzelner mehr, sondern das Mitglied einer Ge-meinschaft, und in dem Bewußtsein des äußeren Anschlusses undder gewonnenen inneren Festigkeit erklärte er stolz: „Ich bin einjüdischer Dichter!"
Aber gab es das wirklich? Konnte es überhaupt einen jüdischenDichter in deutscher Sprache geben? War das nicht ein begriff-licher Widerspruch? Und war Heine der Mann, der aus vollemHerzen dem jüdischen Bruder die Hand reichen konnte? Wenn eseiner unter den Vereinsmitgliedern an der Liebe fehlen ließ, sowar er es. Jeder seiner Briefe aus jener Zeit enthält Schimpf-reden gegen die Juden, sie sind Gesindel, widerwärtig und ekelhaft.Der Jude der Wirklichkeit mit seinen Fehlern und Schmutz, seinen