IV. In d e r H a II p l sr a d t
eine hatte schon in Göttingen vorausgesehn, daß man ihn nachBerlin schicken würde. Es müssen wohl besondere, uns un-bekannte Gründe vorgelegen haben, denn daß man den ungeratenenSohn zur Belohnung in die Großstadt sandte, die ihm noch mehrZerstreuungen bot als die bisherigen kleinen Universitätsstädte, istkaum anzunehmen. Im Frühjahr 1821 traf der Dichter dort ein,nachdem er vorher seine Eltern in ihrem neuen Wohnsitz Oldesloebesucht und auf der Durchreise in Hamburg alte Schmerzen er-neuert hatte. Am 4. April wurde er an der dritten Hochschuleimmatrikuliert.
Berlin war damals noch nicht die Millionenstadt von heute,aber doch schon eine Großstadt mit einer geistig geweckten, regenBevölkerung. Es war ganz anders als Hamburg und Frankfurt,die beiden größern Orte, die der Dichter kannte. Dort herrschte derHandel, in Berlin dagegen spielten Kaufmannschaft und Industrieeine untergeordnete Rolle. Den Ton bestimmte der Hof, an den sichdie fremden Gesandtschaften, die höhere und niedere Beamtenschaft,die Offiziere und die Gelehrten der Universität stufenweise an-gliederten. Die Lebensführung war unter dem sparsamen, haus-väterlichen Friedrich Wilhelm III. einfach und solide, aber dochglänzender als alles, was der junge Harry bis dahin gesehen hatte.Die Interessen der Gesellschaft waren ausschließlich schöngeistig. DiePolitik war verpönt, aber es bedurfte kaum der Staatsgewalt, diejede politische Erörterung, ja selbst die leiseste politische Anspielungargwöhnisch unterdrückte, sondern die Zurückhaltung war eine frei-willige und unerzwungene. Diese Beamten und Offiziere dientendem König und dem Staat, sie schimpften wohl mal, aber siekritisierten nicht und scheuten die Öffentlichkeit. Sie taten ihre Pflicht,aber als nüchterne Preußen hatten sie für großdeutsche Romantikfür Freiheits- und Einheitsbestrebungen oder gar für eine Ver-fassung im süddeutschen Stil mit viel Reden und wenig Taten nichts