54 HI- Auf der Universität
über den einst verehrten Meister hergefallen, teils aus gekränkterEitelkeit, teilweise wohl aus Beschämung über diese unreifen, über-triebenen Lobhudeleien. Er hat ihn als hohlen Gecken und seichtenPhrasenhelden lächerlich gemacht. Gewiß war Schlegel eitel undselbstgefällig, eine Eigenschaft, die im Alter oft groteske Formenannahm, und gewiß war im Grunde nicht Heines Bruch, sondernseine Verbindung mit ihm eine Verirrung, aber wenn die Aus-einandersetzung auch unvermeidlich war, so konnte sie sich doch inanderer Weise vollziehen. Heine hatte keine Achtung vor denTräumen seiner Jugend, als er ein Mann war; ihm fehlte dieEhrfurcht im Sinne Goethes, die nur aus der gesicherten Traditionhervorgehen kann.
Schlegel war ein großes Formtalent und in dieser Beziehunghat er auf Heine gewirkt. Er veranlaßte ihn, seine Tätigkeit alsByronübersetzer wieder aufzunehmen, und er führte ihn zum Sonett.Heine hat sonst in seinem feinen Gefühl für das Wesen der deutschenSprache alle ausländischen Kunstformen abgelehnt. Er ist wohl dereinzige deutsche Dichter, der niemals sprachwidrige Hexameter geschaffenhat. Auch seine Sonettenperiode war nur von kurzer Dauer, freilich inder Bonner Zeit sehr ergiebig, und nicht nur sein „hoher Meister",sondern so ziemlich alle seine Bekannten wurden damals mit Sonettenreichlich bedacht. Das Sonett verführt zur Massenproduktion, dennder dürftigste Gedanke wird durch die starke und einschmeichelndeForm getragen und reicht zu diesem leichten Spiel mit Reimen aus.Schlegel mit seinem romanisch gefärbten Kunstempfinden schätzte essehr hoch und übte es selber gern, da die Gebundenheit der Form ihmdie Mittel gewährte, die eigene Gedankenarmut zu verdecken. Heinedagegen litt unter diesem Mangel des Sonettes und so gab er die„abgemessnen Rhythmen" bald wieder auf, in denen sich nach Goethenur das Talent gefällt. In dieser Hinsicht war Schlegels Einflußnur vorübergehend, aber er beschränkte sich auch nicht auf solcheÄußerlichkeiten, sondern ihm ist es zu danken, daß der junge Heinesich jetzt bewußt die künstlerische Auffassung der Romantik aneigneteund sich auf den Boden der romantischen Schule stellte.