Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
35
Einzelbild herunterladen
 

Byron

35

daß zunächst Schriftstellerinnen ihn zu übersetzen strebten. GoethesSchwiegertochter Ottilie, Karoline Pichler und Elise von Hohen-hausen versuchten sich mit ungleicher Ausdauer und verschiedenemErfolg an dieser schwierigen Arbeit. Die letztere und bedeutendstehat Heine 1819 in Hamburg kennen gelernt, und wenn er damalsschon ein Gedicht ausChilde Harold" übertrug, so darf manwohl darin den Einfluß dieser Byronschwärmerin erblicken. Die Be-geisterung in Deutschland galt aber weniger den Werken des Dichtersals seiner Person; man wollte von den Taten, den Abenteuern,den Liebschaften und Ausgefallenheiten des Mannes hören, in demdas Jahrhundert sein höchstes Sehnen verkörpert fand. So entstandeine Byronlegende. Man sah den englischen Dichter nicht, wie erwar, sondern betrachtete ihn als einen zweiten Werther, dessen un-endliche Liebesfülle von der kalten, verständnislosen Masse rohzurückgestoßen wurde. Er erschien als das große, edle Einzelwesen,das gerade weil es zu groß und zu edel für die Welt ist, vonder Gesellschaft verhöhnt, verkannt, ausgestoßen und unglücklichgemacht wird. Ganz Europa nahm an Byrons Unglück teil, seinLeid war das Leiden einer Welt, er selbst der Träger des un-geheuersten Weltschmerzes. Nur in einem unterschied sich der Wertherdes neunzehnten Jahrhunderts von seinem Vorgänger, dem HeldenGoethes. Ein Vierteljahrhundert der Revolution und des Kriegeshatte die Menschheit härter gemacht. Das neue Ideal stellte seinenJammer nicht mehr rührselig zur Schau, es schied nicht mehr frei-willig aus einer Welt, die ihm die Erfüllung seiner Wünsche ver-sagte, sondern es trotzte der Gesellschaft und nahm den Kampf mit ihrauf. Byron wurde zum Vorkämpfer Europas, er preßte die Fülleseiner Leiden mit einer übermenschlichen Anstrengung in sein Herzzusammen, er vergalt die Feindschaft der Welt mit Hohn und Ver-achtung, er zeigte ihr die blasierte Miene des überlegenen Lebe-mannes, er spielte mit den Frauen, um an dem ganzen Geschlechtzu rächen, was die eine, die unerreichbare, an ihm gesündigt hatte.Er taumelte von einem Liebesabenteuer zum andern, nicht nur umden Schmerz in seiner Brust zu betäuben, sondern auch um in höhnischer

3*