Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
22
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22 I. Kindheit und Erziehung

damals für ihn nur eine sehr geringe Bedeutung; soweit seine Äuße-rungen aber reichen, machte er die Tagesmode mit und eignete sichdie nicht tiefgehende katholische Mystik und die sentimentale Deutsch-tümelei an, mit denen die Romantik, besonders am Rhein, dieKöpfe umnebelte. Eine romantische Sehnsucht nach einer bessern,rettungslos verlornen Vergangenheit ist die Stimmung seiner da-maligen Gedichte. Das alte Deutschland erscheint ihm im Vergleichmit dem heutigen als das Land des Glaubens und der Tugend.Wo die Sitte und die Tugendprunklos gingen Hand in Hand;wo mit Ehrfnrchtscheu die Jugendvor dem Greisenalter stand;

wo kein Jüngling seinem MädchenModeseufzer vorgelügt;wo kein witziges Despötchen«Meineid in System gefügt;

wo ein Handschlag mehr als Eideund Notarienaktc war;wo ein Mann im Eisenkleide,

und ein Herz im Manne war. (II, 153 fs.)

Der junge Heine ist schon empfänglich für jede Anschauung,die sich zur poetischen Stimmung verdichtet, aber er steht ohne jedeselbsterkämpfte Ansicht und ohne jede Eigenart da. Er besitzt dieFähigkeit, alles auszudrücken, aber kaum etwas Eigenes, das desAusdrucks wert wäre.

Fort, ihr Bilder schönrer Tage,weicht zurück in eure Nacht!

Weckt nicht mehr die eitle Klageum die Zeit, die uns versagt!

Das ist ungefähr alles, was dieser dichtende Jüngling zu sagenhat. Für den jugendlichen Dichter ist aber wie für den jugend-lichen Leser der Inhalt bedeutsamer als die Form. Er bedarf desstarken Gefühles, das ihn übermächtig in die Arme der Kunsttreibt. Goethe und Schiller besaßen es, Heine nicht. Sie warensich klar, daß sie Dichter werden mußten zu einer Zeit, da Heine