Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
5
Einzelbild herunterladen
 

HEINRICH HEINE

VON

OSKAR WALZEL

I m Jahre 1827, dreißig Jahre alt, erblickt Heine sich auf der Höhe seinesRuhms und seiner Beliebtheit. In diesem Jahre erschien gesammelt undzu einem Bande vereinigt als ,,Buch der Lieder , was er bis dahin als Lyrikergeschaffen hatte. Die ersten Teile derReisebilder in ungebundener Redelagen gleichfalls vor: dieHarzreise, zwei Abschnitte derNordsee* , dasBuch Le Grand. Mit frohem Stolz durfte er feststellen, daß er dem Liedwie dem Reisebericht eine neue künstlerische Gestalt geschenkt habe, und daßdiese Taten von den Zeitgenossen richtig gewürdigt worden seien. Er hatteder deutschen Sprache im Vers wie in der Prosa neue und überraschende Töneentlockt, Töne, die den Deutschen berückten, die ihn kräftiger anzogen alsalles Vergangene und alles Gleichzeitige. Deutsche Klassik, auch Goethe,und deutsche Romantik galten für überholt.

Sicherlich hat Heine später keine großem Triumphe gefeiert. DasBuchder Lieder gilt immer noch als seine eigentliche Leistung. Gerade weilHeine seit längerer Zeit etwas in den Hintergrund gedrängt ist, weil deutscheLyrik jetzt ganz anders klingt als etwa noch gegen das Ende des neunzehntenJahrhunderts, weil das sogenannte Heinisieren heute fast ganz verschwindet,kümmern sich außerhalb der Fachkreise nur wenige um die Frage, ob seineKunst nach 1827 wesentliche neue Werte zeitigt oder nicht. Ist es verwunder-lich, daß der großen Mehrheit das Dichten aus Heines Meisterjahren nur wieein Nachklang der Leistung seiner Jugend erscheint? Als obAtta TrolloderBimini oder derRomanzero nicht die eigentliche Höhe seinesSchaffens bedeuteten. Und als erstiege nicht ganz zuletzt die Lyrik des Schwer-erkrankten Gipfel, denen dasBuch der Lieder auch nicht von ferne nahe-kommt.

So bleibt Heine für die Mehrzahl ein Sänger von etwas sentimental tränen-feuchten und zugleich spitzironischen Liedchen oder auch von feierlich rau-schenden und doch gleichfalls gern ins Ironische umschlagenden Meeres-bildern. Dann ein witziger Reiseschilderer. Daß seine Kunst später größereSchwingungsweite hat, daß sie kühnere Flüge wagt, aber auch tiefer in dieSeele hinabsteigt, wem ist das geläufig? Ein mächtiger Aufstieg entzieht sichden Blicken vieler. Heine, der Künstler, wächst im Fortschreiten. Er wächstnoch in allerletzter Zeit seines Erdendaseins. Innere Wandlungen sind die

5