J73
Kantonen Waadt, St. Gallen, Thurgau und Tessin, durchdie napoleonische Vermittlungsurkunde, im Anfang des gegenwär-tigen Jahrhunderts. Schwierigkeiten eigner Art umringten aberalsbald die erste Ausbildung seines neuen Staatslebens, und droh-ten, sie ganz zu hemmen. Vielleicht ist es für manche Leser dieserZeilen nicht unangenehm, ein aus dem Schooß siebenjähriger Re-volutionen hervorgegangenes, freigesprochenes Volk zu beobachten,wie es in sich Zusammenhalt und Form gewann, und, bei einervon fremder Hand gegebenen Verfassung, bald genug, in öffent-lichen Ordnungen und Einrichtungen mit den besten der altherrli-chen Kantone wetteifern, viele übertreffen konnte. Dazu wareneinem Volke, welches selbstherrlich dastand, keine Befehle einesSouveräns, keine Garnisonen, keine lauernde Polizeien, keinestehende Truppen nöthig. Das Alles fehlte. Mehr vermogte schlich-ter, gesunder Menschenverstand und Rechtlichkeit des Volks, Ge-fühl vom besondern und allgemeinen Bedürfniß im Lande undstolzes Bewußtseyn staatsbürgerlicher Freiheit jedes Einzelnen.Begünstigend wirkte aber auch besonders ein, daß hier Alles neuzu erschaffen war; während in den alten Schweizerkantonen alteVorurtheile, verrostete Institutionen und durch ihr Alterthum ehr-würdig gewordene Gebrechen wieder hervortraten und die Ausge-staltung vieles Bessern erschwerten.
Die neue Republik war aus mancherlei Landestheilen zusam-mengesetzt, die, obgleich an einander gränzend, doch eigentlich nieGemeinschaft mit einander gehabt hatten und überdies sämmtlich,und von jeher, Unterthanen verschiedner Gebieter gewesen waren»Ein Theil, der sogenannte alte Aargau, hatte der Stadt Bernzugehört. Ueber die Freiämter und die Grafschaft Baden hattenzum Theil drei, zum Theil acht der alten Kantone durch Landvögtegeherrscht. Das Frickthal, sonst ein Theil der vorderösterreichischenLande, siel, in den Kriegen und Friedensschlüssen der französischenRevolution, abwechselnd verschiednen Fürsten zu, eh es der Schweizgegeben werden konnte. Alle diese Länderstrecken besaßen seit Jahr-hunderten von einander abweichende Gesetzgebungen, Gewohnheitenund örtliche Interessen. Selbst der Charakter ihrer Bewohner hatteverschiedene Physiognomien. Das Volk im alten Aargau zeigte sichfreiheitliebend, arbeitsam, bieder, dabei schnell erregbar; im Frei-amt und der Grafschaft Baden gutmüthig, aber lässig und bigot;im Frickthal unzuverlässig, kriechend, bestechlich. In den kleinen