Druckschrift 
2 (1838)
Entstehung
Seite
232
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Geistlicher gegen den traurkqen, zitternden Haufen und rief: «Esfehlt einer von ihnen, Antonio Trevano!« -Er lag gefährlich krank.Aber man riß den Mann aus dem Bette, und schleppte ihn zu denUebrigen. Der Priester schrie abermals: «Auch ein Weib fehlt, dieFrau des Giovanni de Riva!" Sie war in derselben Nacht nieder-gekommen. Priester und Pöbel eilten dahin, rissen die Wöchnerinaus dem Bette und schleppten sie mit ihrem Säugling zu denUebrigen hin. Der lange, jammervolle Zug der Verstoßenen tratdurch Schnee und Frost die Wanderung an. Man warf ihm Steineund Schneeballen nach, Flüche und Spottnamen. An demselbenTage starb unterwegs die junge Wöchnerin, und ihr Säugling undder unglückliche Antonio. Der Zug mußte bis in die dunkle Nachtnoch bis ins Misorerthal fortgesetzt werden. Diese Auswanderungder Locarner, dies Werk der Priester, im Namen des Gottes derBarmherzigkeit nnd der Religion der Liebe vollbracht, bildet einfinstres Seitenstück zur Emigration der Salzburger.

Im Mai kamen 116 der Ausgestoßenen über den See genZürich. Unter ihnen befanden sich wissenschaftliche Männer, Künstler,Handwerker und die alt adlichen Geschlechter derOrelle, Muralteund Duno's. Ihre Ankunft war ein Fest- und Freudentag deredelmüthigen Züricher, welche die Vertriebnen mit rührender Liebeund Gastfreundlichkcit aufnahmen und behielten. Diese siedelten sichhier an; gründeten Seidenfabriken und andre Gewerbe. Locarno'sWohlstand aberging niederwärts, und hat sich nach beinah 306 Jahrennicht wieder erheben können. Weder Fülle und Fruchtbarkeit desBodens half, noch der Vortheil des bequemen Hafens am vielbe-schifften Lago maggiore, der sich in einer Länge von mehr denn15 Stunden, zwischen der Schweiz und Italien dem Handel alsWasserstraße anbietet, welche westwärts mit dem Verkehr vonGenua, ostwärts durch deu Tessin, durch den großen Kanal und denPo, mit dem adriatischen Meer in Verbindung setzt. Seit 18?6durchkreuzt diesen schönen See auch ein Dampfschiff von 16 FußBreite und 90 Fuß Länge, mit der Kraft von 14 Pferden.

Was ehmals Locarno war, hat znm Theil ein vordem unbe-kannter, kleiner Ort, am gleichen Seeufer, in der Nähe des lom-bardischen Städtchens Palanza errungen. Er heißt Jntra. Ergleicht einer schön gebauten Stadt, mit großen Plätzen, weitläuf-tigen Gebäuden, Fabriken, Mannfakturen, Bleichen und Färbereien.Er hat sich des großen Transithandels bemächtigt und selbst vieleSchweizer haben mit ihrem Gewerbfleiß hier Niederlassung gewählt,weil sie auf dem Boden einer Monarchie größere Freiheit fanden,