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seit dem Mittelalter, nicht leicht anderswo in einem solchen Erd-winkel findet. Oben an ftehn die Signori Nobili; ihnen folgendie Borghesi oder Bürger und die Terrieri oder alten Land-saßen. Sie haben den Vortheil der Wcidgangsrechte auf übelbenutz-ten, verwahrloseten, weitläuftigen Bergwiesen, die den Antheil-habern im Jahr wenige Lire abwerfen, und durch bessern Anbaugroße Geldsummen eintragen konnten. Minder beglückt durch solchePrivilegien sind die Oriondi (Eingewanderte aus den Dörfern),die Sessini oder Hintersaßcn, die Quatrini und die Men-sualifti, oder hier angesiedelten Ausländer.
Vor Zeiten war Locarno größer und reicher, als in unsern Tagen.Noch im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, wie man versichert,zählte der Ort fünftausend Einwohner. Der düsterste Fanatismushalf ihn entvölkern und des alten Wohlstandes berauben. Ein from-mer und freisinniger mailäudischer Priester, Beccaria, hatteschon ums Jahr 1534 den Geist der Kirchenverbesserung nach Locarnogebracht. Wie still sich der Reformator mit den übrigen Neugläubi-gen verhielt, ward er doch für den aufgewiegelten Pöbel der Gegen-stand des Fluchs. Seines Lebens nicht mehr sicher, mußt' er sichin das Misoxerthal der freien Bündner flüchten. Aber auch seinekleine verlassene Gemeinde hatte kein besseres Loos. Durch Beschlußeiner Tagsatzung der Kautone ward entschieden, daß die reformirtenLocarner, wenn sie nicht zur katholischen Kirche zurückkehren würden,ihre und ihrer Väter Heimath nn't Weibern, Kindern und all ihrerHabe auf ewige Zeiten verlassen sollten. Am 16. Jänner 1553ward ihnen das schwere Urtheil verkündet und die Frist ihres Ab-zuges auf den dritten Tag Märzes angesetzt. Allein folgendes TageStraf der päpstliche Nuntius Octavian Riperda, in Begleitungvon zwei Mitgliedern der Inquisition, ein. Dieser Mann Gottesüberhäufte erst die Gesandten der Herrscherkantone mit Vorwürfenwegen ihrer Menschlichkeit und Milde; forderte dann die Austrei-bung der Abtrünnigen ohne längere Verzögerung; auch sollte man denEltern ihre Kinder entreißen, um wenigstens die Seelen der Letzternzu retten. Zwar blieb es im Ganzen beim frühern Beschluß; in-dessen bewirkte der Nuntius doch, daß ein längst eingekerkerterReformirter hingerichtet werden mußte, weil ihm Schuld gegebenwar, die heilige Jungfrau gelästert zu haben.
, Der dritte März erschien. Es lag, bei scharfem Frost, tieferSchnee. Aber ohne Erbarmen wurden Männer und Weiber, Greiseund Kinder, zur Abreise versammelt, über anderthalb hundert ander Zahl, die von ihrem Glauben nicht lassen wollten. Da trat ein