Druckschrift 
2 (1838)
Entstehung
Seite
218
Einzelbild herunterladen
 

218

Seelen, welche in 3 Städten, etwa 10 großen Ortschaften, 300Dörfern und 400 Weilern zerstreut wohnen.

Die höchste dieser Wohnungen ist unstreitig das Hospiz des St.Gotthardsberges, auf der erhabensten Stätte des Bergpasses,6050 Fuß über dem Meere, eine fromme lind wohlthätige Stiftungder Gemeinde Airolo. Arme Wandrer empfangen hier unentgeld-liche Pflege. Gegenwärtig wird anf Kosten des Staats daselbst eingeräumiges Gebän zur Bewirthnng der Reisenden und zum Lager-hans für Waaren erbant, welche über den Berg geführt werden.Die älteste urkundliche Spur des Waarentransports ist aus demJahre 1321; die erste Nachricht von einem Hospiz in diesen Höhen,aus dem Jahre 1374, als der Abt des Klosters Disentis ein solches,nebst einer dem heil. Gotthard geweihten Kapelle, bauen lies. Jetzterrichtet die Tessinische Regierung auch einige kleine Zufluchtshäuser,längs der neuangelegten bequemen Bergstraße, bis nach Airolo.Denn nicht immer ists in diesen Felswildnissen geheuer für Reisende,wo der Winter neun Monate währet und der Schnee sich an man-chen Stellen bis auf 40 Schuh hoch anhäuft. Bald da, bald hiermahnt ein kleines, hölzernes Kreuz am Wege, oder in der Fernedie "Kapelle der Todten" an unglückliche Wandrer, welche derRaub herabstürzender Lauinen geworden sind, oder jener entsetzli-chen Schneestürme, der "Gu chsen", die ich schon früher geschilderthabe.,Im Jahr 1624 kamen hier bei 300 Personen durch einenSchneefturz vom Cassedra um; im Jahr 1816 riß eine Lauine 40mit Waaren beladene Saumrosse hinweg. Man rechnet im Durch-schnitt jährlich 3 bis 4 Personen, die von solchem Unglück überraschtwerden, welches auch in andern Gebirgsgegenden des Landes keineSeltenheit ist. Am Ufer des heitern Ceresio, wie man den Luga-nersee nennt, liegt das zierliche Dorf Melano am Fuße einer fastsenkrechten Bergwand. Ländliche Wohnungen lagern sich umher anden Halden des Gebirgs. Eine derselben, auf schroffem Felsabhangwar plötzlich am 29. Februar 1836 verschwunden, als den Tagzuvor ungeheurer Schnee gefallen war. Da wohnte ein Vater mitseinem Sohn und einer blühenden Tochter. Das Volk von Melanoerblickte mit Entsetzen die leere Stätte. Vier Jünglinge machtensich muthvoll auf und den Berg empor, durch die Tiefen des Schnees.Als sie matt und erschöpft zum Fuß der Felswand gelangten, sahnsie den Hügel der zerschmetterten Lauine, und schwarze Bruchstückeder Hütte durch die Schneemasse hervorragen. Hasttg ergriffen sieKarst und Schaufel und gruben sich ein. Sie fanden den Leichnamdes Vaters; später dann entseelt, wie ihn, das unglückliche Mäd-