im Tempel des Königs der Könige, des Herm derHerrn unehrerbietig zu seyn.
Ich war diesen Morgen, mein lieber Freund! Zeugeeines Schauspieles, welches mich tief gerührt hat. Einjunges Mädchen, schön wie ein Engel, führte einblindes Frauenzimmer von höchst interessanter Gestaltzum Tische des Herrn; ich hielt diese für ihre Mutter.Ich glaubte bcy ihrem Zurückgehen eine Auscrwähltezu sehen, welche von ihrem Schutzengel begleitet wird.Ich wußte, daß mein Bruder, der Generallieutenant,sich in Mailand befinde. Ich hatte ihn nicht mehrgesehen, seit ich den Thurm von Vinzennes verließ,zu welcher Zeit er sich mit dem österreichischen Heerein Paris befand. Meine Krankheit hatte mich zweyMonate lang in Luzern zurückgehalten, und ich be-sorgte, daß die brüderliche Liebe der schnellen Fort-setzung meiner Reise Hindernisse in den Weg legenwürde; denn ich wollte mich möglichst bald nach Ve-nedig oder Tuest begeben, um mich da einzuschiffen.Ich war unschlüssig, ich wußte nicht, sollte ich ihnaufsuchen, oder nicht. Es ist so tramig, sich einenAugenblick lang zu sehen, um sich vielleicht für immerzu trennen. Indessen konnte ich doch dem Verlangennicht widerstehen, ihn an mein Herz zu drücken. —Er betrachtete mich, dieser gute Bruder, ohne sichmeiner Züge erinnern zu können. „Es ist wohl die»Stimme Ferdinands, sagte er, aber ich muß mir alle»mögliche Mühe geben, dich zu erkennen.« SiebenzehnJahre im Kloster von Latrappe zugebracht, haben