!04
XXXI. Ueber die Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft.
Die verschiedenen Handlungen der lebenden Wesen sind theils unmittelbar« Wir-kungen der eigenen Gestalt, theils Triebe und Gewohnheiten, welche aus der Anschau-ung anderer Gestalten entstehe». Das Thier weiß bald aus sich selbst seine Nahrungzu verschlingen und seine Beine in einer zum Fortschreiten geeigneten Stellung zubewegen. Um aber in Uebereinstimmung mit Anderen handeln zu können, müssenverstandene und zum Werstehen gegebene Zeichen vorhergegangen sein, die nicht ohneUeberlegung und Urtheil gegeben werden konnten. ' Daher leben die Thiere von gesell-schaftlicher Gestalt in größeren Gesellschaften, je nachdem sie mehr Geistesfähigkeitenund Mittel besitzen, ihre Gedanken auszudrücken und sich einander verstandlich zu ma-chen, Das Menschengeschlecht, mit den größten Geistesfähigkeiten und den kräftigstenMitteln seine Gedanken auszuführen begabt, muß mithin die größten Gesellschafrenbilden. Wenn aber der Umfang der Gesellschaften mit den Geistesfähigkeiten im Ver-hältniß steht, und das gemeinschaftliche Wirken sich durch Mittheilungen, wie Zeichenund Sprache entwickelt, so müssen die menschlichen Gesellschaften auch ferner noch anUmfang zunehmen, je nachdem die Mittheilungen durch Schriftzeichen auf TausendMeilen Entfernung und Jahrhunderte hindurch von einem Geschlechte zum andernmöglich werden. Und so verhält es sich auch wirklich; denn wir wissen, daß das Men-schengeschlecht im wilden Zustande nur in Familien und Stämmen zusammen lebte,und die Wohnungen der Menschen erst mit der Erfindung der Künste von einigen zu-sammenstehenden Hütten zu großen Städten, und die bürgerlichen Gesellschaften vonkleinen Völkerschaften zu großen Staaten angewachsen sind.
Wenn die Ursache, welche die Vergrößerungen der Staaten hervorgebracht hat,nämlich die Künste, sich immer mehr entwickeln, so müssen auch fernerhin die bürger-lichen Gesellschaften an Umfang zunehmen, und die Wölker sich in größere Staatenvereinigen, wie die Geschichte auch aufweiset, daß fast alle vormals in kleine Staatenzertheilte Länder, wie Frankreich, Spanien u. s. w, jetzt in einem einzigen Staatevereinigt sind. Bei der ersten Bildung der bürgerlichen Gesellschaften waren sie aufStädte und Flecken beschränkt, dann dehnten sie sich als Grafschaften, Herzogthümeru. s, w, auf diejenigen Landstrecken aus, die man jetzt noch als Provinzen und Un-terabtheilungen der Staaten unterscheidet; endlich erhielten die bürgerlichen Gesellschaf-ten meist den ganzen Umfang der Sprache oder der durch Meere und Berge begränz-ten Länder. Wenn wir heute noch Völker getrennt sehen, welche dieselbe Sprachereden, so ist doch der Hang zur Vereinigung schon bemerkbar, während hingegen an-dere Staaten, wie England, Rußland, Oestreich, die Absonderungen der Sprachen, derVölkerstämme, der Meere und Berge schon überschritten haben, und verschiedene durchMeere, Berge, Sitten und Sprachen getrennte Völker unter derselben Regierungvereinigen. Eine immer fortschreitende Vergrößerung der Staaten muß endlich, wonickt in jeder Halbkugel, doch auf jedem Kontinent zu einer einzigen politischen Ge-sellschaft führen. Die immer steigenden Verbindungen zwischen den Völkern werdenvor und nach den Unterschied der Sitten und Gebräuche aufheben; Alles wird gleich;der Nationalhaß erlischt, der Unterschied der Nationen verschwindet mehr und mehr,und das Menschengeschlecht, das vor und nach alle ändere Wesen verdrängt, muß sichzuletzt in eine einzige Gesellschaft vereinigen. Schon jetzt, wo die Staaten sich nochfeindlich gegenüberstehen, kann so wenig in Konstantinopel als in Madrid eine Ver-änderung vorgehen, ohne daß in einer europaischen Konferenz Befehle darüber er-theilt werden.
Durch die Annäherung und Vermischung der Völker wird der Krieg immer mehrunter ibnen verabscheuet und selten werden. Der Krieg in den jetzt schon vereinig-
^ '
M" ^ .
zt.'^
Atii-':-;.-''vösu -
5« >,
bswier-
- v l