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Kapitularen verschwanden heiliger Sitten-Ernst und edle Demuthder frühern Tage. Die Unterthanen des Gotteshauses selber er»rötheten vor der frechen Unzucht der Priester, oder begannen be-waffneten Widerstand und Aufruhr gegen deren Willkühr, Härteund Druck. Das Appenzellerland riß sich von der Botmäßigkeit derAebte los (im Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts) und er-oberte in siegreichen Feldzügen eine Freiheit, welche es bis zuunsern Tagen bewahrt hat.
Die Bürgerschaft der Stadt St. Gallen indessen, immer ge-wandt und entschlossen, allen Zeitverhaltnissen Vortheil abzugewin-,nen, schloß sich den Appenzellern in deren Kampf gegen den Abtan, zwang ihn, seinen wichtigsten Rechten zu ihren Gunsten zuentsagen; kaufte sich von den übrigen mit Geldsummen los, wie sieschon früher mir den beschwerlichsten Kosten gethan hatte, die »drvomReiche auflagen; trat, gleich dem Abt, mit Schweizerkantonenin Landrecht und Bund, lind ward endlich sogar zugewandter Ortder Eidsgenossen. Obwohl ihr Gebiet sich nicht weit über die Stadt-mauern hinaus erstreckte, war sie doch durch Gewerb und Verkehrreich, angesehen und machtig worden. Viele Familien von Hand-werkern, Künstlern und Kaufleuten, einst in Constauz angesessen,waren von da nach St. Gallen gezogen, als die große Kirchcuver-sammlung jener Stadt dortigen Gegenden erst Theuruug, dannlange Kriegesunruhen gebracht hatte. Endlich kamen noch die Tageder Kircheuverbesserung. St. Gallen wandte sich, Angesichts desKlosters, dieser zu, und lösete sich damit selbst vom geistlichen Einftuß des Priesterthums ab.
Von da an blühten, wie weiland im Kloster', die Wissenschaf-ten nun in der Stadt, begünstigt vom freiern Geist des evangelischenGlaubens. Aus den Stadtschulen trat eine bildungsreiche Bürger-schaft, eine große Zahl trefflicher Staatsmanner, Gelehrten undberühmter Schriftsteller hervor. Aus den Stadtthoren gingen zahl-lose Frachten von einfacher und geblümter Leinwand, Sangalettcuoder Glanzleinen, Parchent, Schleier, Musselinen und Baum-wollenwaaren aller Art nach Deutsch- und Welschland, bis Svanicnund Rußland. St. Gallen ward der Mittelpunkt des Verkehrs undder Manufakturen von einem großen Theil der östlichen Schweizund des westlichen Schwabens. Mehrere Hauser hatten in entfern-ten Seestädten Absenker ihrer Handelszweige gelegt. Noch immergehört St. Gallen zu den ersten Gewerbs- und Handelsstädtender Schweiz. Obgleich nnvortheilhaft, fern von den großen Stra-ßen deS Weltverkehrs, im Innern des Landes und zwar hoch im