Druckschrift 
1 (1836)
Seite
123
Einzelbild herunterladen
 

12Z

begannen die Hirten gegenüberliegender Berge von neuem ihre Sänge»die sie so lange hatten verstummen lassen, als sie die Stimmemeines Führers hörten, bis er sie wieder erhob, und ihr das Echo,wie Schatten seiner Töne, folgte. Erst, als wir zur Hütte zurück-kehrten, vor welcher die rnßigten Sennen horchend im Mondenscheinstanden, e'suhr ich von ihnen, daß der junge Mann von Herrgotts-wald der beste und berühmteste Sänger der Gegend war. Ich gestehe,keine Oper, kein Concert mit Catalanistimmen, hat über mein Gemüthso großen Zauber geübt, als dieser Wechselgesang des Arion derAlpen mit den Geistern des Gebirgs.

Von dem kleinen See oder Weiher der Bründlenalp, inwelchen sich, wie die Volkssage des Mittelalters sprach, der Land-psteger Pontius Pilatus in der Verzweiflung seines Gewissens stürzte,ist es nicht der Mühe werth zu reden. Er liegt zwischen finstermTannengestrüpp. Daß oon ihm zuweilen aufsteigender Nebel naheGewitter verkündet, ist so natürlich, wie bei jedem Nebel, der ausBerghöhlen, oder Wäldern sichtbar wird, wenn die Atmosphäre mitaufgelösten Dünsten schon überladen ist. Sonst glaubte man, einin den See geworfener Stein, der darin dem bösen Pontius Aergererrege, reiche hin, die schrecklichsten Wetter zusammen zu ziehn.Noch im sechzehnten Jahrhundert mußten Fürsten, Staatsmänner,Naturforscher und andre Fremde, welche den Pilatus besteigenwollten, von den wohlweisen Luzerner Rathsherrn besondre Erlaub-niß dazu einholen; und sie empfingen dieselbe jedesmal nur unterwohlgemeinten Warnungen, in der Nähe der höllischen Pfützenfromm und vorsichtig zu seyn.

Furchtbarer, als durch dies kleine Gewässer, wird der Pilatuszuweilen seinen Umgegenden durch die zahlreichen Waldftröme undGießbäche, welche in seinen Klüften und Schluchten, unter Gewitter-schauern und Wolkenbrüchen, anschwellen und verheerend über dieThäler ausbrechen. Einer der Waldftröme, der wildeste von allen,der Krienserbach, hat in frühern Zeiten und selbst noch im leztenJahrhundert, seine Verwüstungen mehrmals bis über einen großenTheil der Stadt Luzern, (die Kleinstadt geheißen) ausgedehnt. Erstürzt vom Pilatus aus einer hohen, engen Felsenschlucht, in eineweite, mit Bergschutt gefüllte, muldenförmige Tiefe. Würde ernicht in seiner graben Richtung durch einen natürlichen Felsdammgehemmt, der quer von einer Bergseite zur andern überspringt, sokönnte er frei in einen öden Abgrund zwei bis dreihundert Schuhzwischen hohen Bergen hinunterstürzen. Der Abgrund heißt dasRenggloch. Aber überall eingesperrt, und sein Bett immerdar mit