Druckschrift 
1 (1836)
Seite
98
Einzelbild herunterladen
 

98

schlüpfrigen Vorsprung des Gesteins gesammelte Bürde Futters,von einem starken Netz zusammengehalten, schleudert er über denAbgrund hinaus, und läßt sich am Seile, wie eine Spinne amFaden schwebend, wieder in die schwindelerregende Höhe ziehn.

Der Bewohner des Gebirgs, Zögling der Natur, furchtlosunter ihren Schrecken, einfach, kraftvoll und gut, wie sie, ver-lebt den größern Theil seines Lebens in anhaltender Einsamkeit;während des Sommers mit seiner Heerde in den hohen Alpen-fluren vereinzelt; während des WinterS mit seiner Familie in derkleinen, oft tief verschneiten Hütte. Er hat kaum Ahnung vomDaseyn jener künstlichen Lebensbequemlichkeiten, wandelbaren Jn-tressen, verwickelten Verhältnissen, die in reichbevölkerten, man-cherlei Gewerb und Ueppigkeit treibenden Gegenden, Fluch undSeegen derselben sind. Er weiß von keinem Unterschied der Stände;der Sterbliche gilt hier, was er in und durch sich selber ist. DieRegeln feiner Sitte bleiben ihm fremd. Seine Rechte werden zu dennatürlichen, die jeder Mensch besitzt; welche auch in den civilisirtestenStaaten zwar Grundlage aller sogenannten positiven Rechtsverhält-nisse bleiben, aber von diesen gewöhnlich dermaßen überbaut oder ver-schüttet sind, daß an der Grundlage noch kaum etwas erkennbar ist.

Es ist wahrlich kein Wunder, wenn der Mensch des Gebirgs,in seiner Abgeschiedenheit vom Weltgetümmel, bei der Einförmig-keit seiner Beschäftigungen, die ihm Müsse genug zum stillenNachsinnen gewährt, bei der Einfachheit seiner Bedürfnisse, dieleicht befriedigt sind, ein Andrer wird, als der Mensch der Ebnenund tiefern Thäler; wenn hier ein Arnold Anderhaldenzum Retter der Volks gegen die Verhöhner des ewigen Rechtswird; oder ein Nicolaus von der Flue, dem Irdischen abge-storben, sich zu einem Leben in Gott und göttlichen Dingen ver-liert, wovon das Kirchenthum nichts weiß und lehrt.

Man hat den Schweizern immer nachgesagt, daß sie häufigin ihrem Denken, Treiben und Wesen, etwas Wunderliches,Ungewöhnliches, oft Ueberspanntes hätten; etwas Originelles wiein ihren Staatseinrichtungen, so in religiösen Dingen, in Uebun-gen, Sitten und Lebensansichten; einen Staarsinn der Meinungen,den kein Verlust und keine Gefahr beugt; eine Liebestreue zur Heimath,die in der Fremde zum tödlichen Heimweh werden kann; einGefühl für Freiheit, das wohl Jahre und Jahrzehende lang durchUebermacht der Gewalt niedergedrückt, aber nie erstickt und aus-gerottet werden kann. Es ist Wahres in dieser Sage. Die Ge-schichte dieser Bergvölker spricht dafür bis zu den lezten Zeiten.