„Babilon" in der westfälischen Nibelungensage 185
denn erst, nachdem die Nibelungen über Eckewart hinaus nach Osten weitergezogen sind, erreichen sie Bechelaren, den Amtssitz Rüdigers. Bei dengenauen Angaben der Soester Ortstradition, die durch den Bericht derhanseatischen Kaufleute im Norden, wahrscheinlich in Bergen, dem Sagen-sammler und Nacherzähler zugänglich wurde, stellt sich also auch hier dergeographische Zusammenhang so heraus, daß tatsächlich westlich Soest eineGrenze durchs Land zieht, natürlich von Norden nach Süden; denn nur sokonnte bei dem West-Ost-Marsch der Nibelungen von einem Durchquerendieser Grenze geredet werden.
Stellen wir uns nun wieder die Sache einmal so vor, daß wir ohne jedeRücksicht auf unsere Sage mit Soester Bürgern des 13. Jahrhundertsüber Reisen der geschilderten Art sprechen könnten, was würden sie uns überUnterbringung der einzelnen Punkte sagen? Nichts anderes, als daß ihnenals Grenze die uralte Landwehr am Virkenbaum von Wickedean der Ruhr und Scheda an Hemmerde-Holtum vorbei über Scheidingen zurLippe gälte, die man auch kurz Salttappe nannte. Und die gleichzeitigenEinwohner von Heeren-Werve? Sie würden uns auf den GrenzwallTüte oder Teute und aufs Teutheck, den Grenzdurchgang, verweisen.Endlich die Einwohner im Kirchspiel Methler? Sie würden uns vonden Türmen noch deutlichere Kunde geben, als wir heute ahnen und unsdie Durchgänge im Seseke-Körne-Winkel und in Westick vorweisen; auch denmit der Grenze gleichlaufenden „Woiern-Wall" uns vorführen und so vielanderes, was heute rettungslos dem Volksgedächtnis entschwunden ist.
Aber nun müssen wir noch eine sonderbare Notiz unserer Sage nach-holen. Nachdem wir Rüdigers Wohnsitz nach den unzweifelhaften Angabender westfälischen Sage westlich Soest an der nördlich am Lürwald entlangführenden Straße festgestellt haben, scheint eine bisher noch nicht erwähnteAnsehung unsere Annahmen zweifelhaft zu machen.
In Kap. 267 lesen wir: „Nun ist zu sagen von König Dietrich, daß ernordwärts übers Gebirge ritt und seine Straße dahinfuhr, bis daßer zu der Burg kam, die Bakalar hieß, die stund an dem Rheine undherrschte darüber der mächtige Häuptling Markgraf Rüdiger." Dann folgtdie festliche Begrüßung, Aufnahme und Veschenkung des königlichen Gastes,wie sie Dietrich in dem von uns schon gebrachten Trauergruß dankbar undwehmütig pries. Wie nahe aber Bakalar — so lautet die in Westfalen üblicheForm für Bechelaren — und Soest beieinander liegen, geht auch schon ausder ersten Begegnung zwischen Rüdiger und König Dietrich hervor, denn esheißt bald nach der Rast des Verners: „Darauf ritt König Dietrich und mitihm der Graf nach Soest zu König Attila." Wie aber sollen wir es nundeuten, daß in unserer nachgeholten Notiz Bakalar als eine Burg amRhein erscheint? Ist denn Dietrich von Bern-Bonn aus mehrere Tage langam Rhein entlang geritten? Aber das ist unvorstellbar, weil das Gebirgenicht bis an den Rhein selbst heranreicht, oder sollen wir etwa glauben, daßRüdiger in der Gegend von Tanten wohnt? Aber da kann von einer Grenz-bewachung keine Rede sein für einen im Dienste des Hunenkönigs Attilastehenden Markgrafen, denn so weit reichte sein Reich nicht nach Westen, undwie sollte der Lürwald dort zu denken sein? Oder sind unsere Quellen hierin eine so heillose Verwirrung geraten, daß wir annehmen müßten, die