184 Aliso in seiner Verknüpfung mit der Heldensage
eben dorthin gelangen. Sie sind also durch E l s u n g s L a n d an der Burg-ruine Babilon, dem in Trümmern liegenden Aliso, vorbei aufSoest weitergezogen. Es mag ihnen ohnedies unheimlich genug ums Herzgewesen sein in dieser Gegend bei den Burgruinen, an deren Grenzen ihneneine weissagende Seefrau, die im stillen Gewässer Möre geisterhaft dahin-schwebte, das letzte Menetekel zugerufen hatte: „Ihr möget alle gesund überdiesen Strom kommen, aber nimmer zurück."
Bald nach Überschreitung des Stromes begegnet ihnen auch, als sie aneiner Burg vorbeikamen, welche Thorta hieß, ein Abgesandter König Attilas,der nach Bechelaren fahren sollte, um Markgraf Rüdiger zum Fest zu laden.Obgleich nun Dortmund, das auch Tortmania heißt, zu weit südlich liegt,mag doch um so eher die von vielen Forschern gestellte Frage, ob hier wirklichDortmund gemeint sei, wenigstens angedeutet sein, als die Grafschaft Dort-mund bis an die Donau (Lippe) in den Iahren ihrer weitesten Ausdehnungnach Norden heranreichte.
Was uns aber viel wichtiger sein muß, ist der Umstand, daß auch nachunserer Sage und insbesondere nach der hier deutlich durchscheinendenSoest er Quelle zwischen dem Übergangsort der „Donau" und derEtzelburg in der Börde eine Grenze anzunehmen ist. Das Volk, das dochdiese Linie Soest—Tanten (Troja) — wie wir nun nach unseren beigebrachtenZeugnissen nicht mehr zweifeln — genau kannte, hat auch oft genug diesGrenzgebiet durchzogen, wenn es von Soest, der Hauptstadt des Hünen-landes, in Elsungs Land und dann — allerdings in weiterem Ab-stand von diesem — ins linksrheinische Nibelungenland gelangte, alsdessen Hauptstadt den Soestern Troja galt, weil ihnen auch Hagen rechteigentlich als der Nibelung erschien, demgegenüber der schwächlicheGünther nur ein Schattenkönig ist.
Das erste Erlebnis nun, das die Nibelungen beim Anlangen an derGrenze, die sich auch hier als ein mehrere Wegstunden breiter Grenzstreifendarstellt, haben, ist die Begegnung mit dem schlafenden GrenzhüterEckewart; derselbe erscheint bezeichnenderweise hier als ein offenbar vonKriemhild an die Grenze entsandter Warner, der dem Hagen zuruft:„nun wundere ich mich, wie du daher fährst; bist du Hagen, Aldrians Sohn,der da meinen Herrn Siegfried den schnellen erschlug? Hüte dich, dieweildu im Hunenland bist, du magst hier wohl manchen Widersacher haben.Aber nicht bessere Nachtherberge kann ich dir nachweisen, als zu Bechelarenbei Markgraf Rüdiger."
Hier stoßen wir also auf eine ältere Quelle, die nicht Kriemhild unddie erstrebte Rache, sondern lediglich die Gier Attilas nach dem Nibelungen-hort als die treibende Ursache der ganzen verhängnisvollen Fahrt erscheinenläßt. Und da auch die Edda von demselben Gedanken sich leiten läßt, sodürfen wir wohl annehmen, daß ältere, uns verloren gegangene Heldenliederin den Eddaliedern, wenn auch in mannigfacher Umgestaltung uns erhaltensind. Damit würden wir zugleich auch bezüglich der Frage nach dem Alters-verhältnis des süddeutschen Nibelungenliedes zur westfälischen Nibelungensageein für das höhere Alter der letzteren zeugendes Datum gewinnen. Ebensowichtig ist nun die schon angedeutete Tatsache, daß uns zwei Grenz-hüter, einer an der Westseite, der andere an der Ostseite begegnen.