„Babilon" in der westfälischen Nibelungensage 183
lungensage die Reise beschrieben: „Sie fuhren nun ihre Straße dahin: MeisterHildebrand ritt voran mit dem Saumrosse und Dietrich und Herrat hinterher.Sie wandten sich auf die westliche Straße gen Mundio, und da wollte KönigDietrich vorbeifahren. Sie fuhren Nacht und Tag und begegneten keinenMenschen. In einer Nacht kamen sie vor Vechelaren; da sprach KönigDietrich und wandte sein Roß zu der Burg: ,Nun jammert mich, Vechelaren,dein Herr, Markgraf Rüdiger, welcher der mildeste aller Männer war undder beste Degen: als ich mein Reich verlassen hatte vor meinem Vaterbruder,kam ich hierher vor Bechelarm, da kam mir Markgraf Rüdiger entgegen mitseiner Frau Gotelinde; und sie gab mir eine grüne Sturmfahne und einreiches Purpurkleid, das durfte ein ausländischer Häuptling wohl tragen. Nunjammert mich sehr mein guter Freund Markgraf Rüdiger; wärest du noch amLeben, so führe ich nicht so an dieser Burg vorbei, daß ich dich nicht besuchte.'Hierauf fuhren sie ihre Straße und ritten an dem Lürwald hin, und amTage weilten sie im Walde, aber bei Nacht fuhren sie."
Nun hören wir von einer eigenartigen Episode, als deren Schauplatz wirebenfalls den Lürwald annehmen müssen. Iarl Elsung, der von Hildebrandals ein dort in der Nähe wohnender Häuptling bezeichnet wird, hatte vondem Aufbruch der beiden Helden aus Soest gehört und benutzt die Gelegen-heit, um Rache für die mit Dietrichs Zulassung an seinem Vater gescheheneMordtat zu nehmen. Aber in dem nun entbrennenden Zweikampf zwischendem Berner und Iarl Elsung fand dieser seinen Tod.
Hier zum ersten Male begegnet uns im Verlauf der weiteren Erzählungder Name Vabilonia, wenn es heißt: „Da entstand große Furcht undSchrecken, und alle wollten nun gern heim sein in Vabilonia (Kap. 373)und im folgenden Kapitel: Die aber, welche entflohen waren von dem IarlElsung, kamen nach Vabilonia und sagten, daß der Iarl erschlagen wäre,und 16 seiner Mannen mit ihm." Endlich meldet auch Meister Hildebrand denSeinen das tragische Ereignis mit den Worten: „Die Mähre kann ich wohlsagen, daß Iarl Elsung von Vabilonia nun tot ist, so auch, daßKönig Dietrich von Bern nun hierher ins Land kommen ist."
Daß dieses Bern der westfälischen Sage wirklich Verona am Rhein —Bonn ist, ergibt sich aus dem Anfang der Dietrichgeschichte, die uns Die-trichs Fahrt von Bern in den nahen Wald mit dem Drachenfels unddann weiter seinen Ritt zum Osning mitteilt. Es ist dies nach urkundlichenZeugnissen das Gebirge, welches nordöstlich von Bonn und zwar zwei Tage-reisen von dieser Stadt im südwestlichen Teil des heutigen Westfalen liegt undgeradezu Osning genannt wird.
Da wir nun aus Dietrichs Mund selbst hörten, daß er auf seiner Fluchtvon Bern (Bonn) nach Soest auch bei dem westlich dieser Etzelstadt als Mark-graf waltenden Rüdiger von Vechelaren eingekehrt ist, so scheinen mir dieOrte unserer Sage deutlich genug aus dem Halbdunkel der sagengeschichtlichenÜberlieferung hervorzutreten, und da es sich um Örtlichkeiten handelt, die auchfür die Römer in Westfalen schon von Bedeutung waren, so gehen wir denSpuren unserer Sage weiter nach. Da ist es uns denn von größter Bedeu-tung, daß nicht nur der Weg von Bonn nach Soest zur Behausung Rüdigersvon Vechelaren und damit an eine von diesem gehütete Grenze westlichSoest führt, sondern daß auch die Nibelungen von der Lippe-Donau aus