„Babilon" in der westfälischen Nibelungensage 179
die Todesfahrt als solche ihren unabänderlichen Gang von der Lippein die G e g e n d d e s Lii r w a ld e s, wie wir mit den Kopenhagener Hand-schriften bei jener ersten Heldenfahrt, so auch hier sagen könnten; von derDonau nach Soest, wie wir mit der westfälischen Nibelungensage, auchhier wieder in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, sagen. Wir erinnern unsdabei noch einmal daran, daß die unmittelbare Nachbarschaft der Übergangs-stelle westlich Lünen, bezeichnenderweise die alte Lippe, heute noch Donauheißt.
Ja sogar noch im Ihre 1880 nannte das Volk eine das Überflutungs-gebiet der Lippe östlich Lünen überquerende Brücke die „Donauerbrücke";wie es scheint, ist der alte Name dann wieder in seine Rechte getreten, wenndie sog. „alten Lippen", die Nebenarme, mit bezeichnet werden sollten; undgerade an der Mündung würde der von uns schon beigebrachte Name Aue,in der wir das Grundwort für Donau erfaßten, gut für die Wassermischungpassen, die uns die westfälische Sage mit den Worten beschrieb: „Da war dasWasser breit, wo die Ströme sich vereinten."
Es liegt nun über dem Gelände der Übergangsstelle durchaus eineStimmung voll Düsterkeit und UnHeimlichkeit, wie sie von Örtlichkeiten aus-zugehen pflegt, die eine große Geschichte erlebt haben, dann aber von ihrerHöhe herabsanken und Zeugnisse ihrer einstigen Größe nur noch in Ruinenund schauerlichen Trümmerfeldern aufzuzeigen imstande sind. So ließ unsauch schon die Sage aus Anlaß der Fahrt der Helden Hildebrand und Wittigdie Gegend bei dem von ihnen genannten Lippekastell schauen. Die Stein-brücke über die Lippe, jetzt ein Übergang für Wanderer, die für ihr Lebenzittern müssen gegenüber den Insassen des Räuberkastells, muß früher vomLippekastell aus in starker, sicherer Hut gehalten worden sein. Der Name„Kastell" ist von der Sage mit Bedacht gewählt worden; er soll uns einemilitärische Befestigung hier annehmen lassen, die aber nach ihrer Zer-störung ein Raubnest für Wegelagerer wurde. Die Straßen, die hier sichgabeln und worüber die Sage meldet: „Dieses ist eine große Heerstraßefür viele Leute", gehen weiter ins Land hinein. Auf der besonders hervor-gehobenen ziehen die beiden Helden darum auch weiter am Lürwald vorbeibis zum Wisarstrom (Weser). Von der Brücke über die Lippe weißWitig zu sagen: „Auf dieser Brücke hat ein schwerer Zoll gelegen mit Notund Gefahr, beides für Inländer und Ausländer." Es handelt sich also umeinen Übergang, der es möglich macht, von Norden aus — Hildebrand undWittig kommen ja von Dänemark —, aber auch vom Rhein aus hier denFluß zu überschreiten und weiter an die Weser zu gelangen.
Was Wunder, wenn auch nach der Sage sich hier Lager befanden.Brictan, Brechten, Wrechten bedeutet ja auch nach Iellinghaus nichts anderesals „bei den Lagern", wie heute noch für starke Einfriedigungen aufdem Lande die Bezeichnung „Frechtung" gebraucht wird. Bildeten die beidenLager, das in Elfe und das auf dem Knapport an der Lippe, zwischen welchenbeiden die Lippefurt durchgeht, im Volksbewußtsein eine Einheit, so konntees einen besseren gemeinsamen Namen nicht wohl geben, sind doch diese beidenKriegsanlagen, durch eine Straße verbunden, durchaus die beherrschendenPunkte der Gegend gewesen; und wenn in dem späteren menschenarmen Ge-biet in der Folgezeit, als jene beiden Lagerplätze längst verwunschene Schlupf-