178 Aliso in seiner Verknüpfung mit der Heldensage
Donau, die Einsetzung des hunnisch-ungarischen Attila für den westfälischenAtli, den König von Soest, erfolgt sein? Jedenfalls lehnt schon Grimm dieÜbertragung des Hunnenchans nach Soest rundweg ab, da die Feigheit desSoestischen Königs, der stets andere Helden für sich kämpfen lasse, in keinerWeise zu dem historischen Attila passe. Daraus würde auch weiter folgen,daß auch in der fränkischen Stammsage, welche die Franken von Troja oder,wie die andere Sagenform angibt, von der Donau kommen ließ, die von denWestfalen selbst so benannte Donau-Lippe den Anlaß zur unhistorischen undauch geographisch unsinnigen Verschiebung gegeben hat. Simon Keza, derungarische Chronist, der offensichtlich in seiner Darstellung der Anfänge seinesVolkes unter den „uralten Lieder n", die er zusammenfassend als seineQuellen anführt, auch alte deutsche Heldenlieder verstand, hat darumauch mit seiner „Donau, die an Sugambrien entlang fließt",eine geographische Notiz aus Westfalen wiedergegeben; hier und nur hierfließt die westfälische Donau am alten Sugambrien entlang:Die Lippe!
Die Verhältnisse nun, unter denen die Nibelungen nach dem süddeutschenNibelungenlied die Donau überschreiten, finden wir in eigenartiger Überein-stimmung auch in der westfälischen Nibelungensage wieder, hier aber in derverständlichen Form, die uns auch Soest in der entsprechenden Entfernungvon der Übergangsstelle erscheinen läßt und zwar so nahe, daß das Donau-Lippe-Wasser vom unfreiwilligen Bad noch nicht ganz aus den Kleidern ver-dunstet ist, als sie in Soest anlangen. Auch hier merken wir, worauf wiederVoer hinweist, die Nacharbeiten einer späteren Hand. Man hatte in denQuellen gelesen von der schnellen und kurzen Fahrt von der Donau nach Soest,auch von dem „schönen grünen Sommer", der es Kriemhild möglich machte,von der Plattform des Stadtmauerturmes aus dem Einzüge ihrer Brüderzuzusehen. Andererseits aber stand auch llberlieferungsmäßig fest, daß dieKönigin in der Halle Feuer habe anzünden lassen zur Trocknung. Da spielenalso schon Darstellungen der süddeutschen, späteren Sagenform in die ur-sprünglichere, die westfälische Überlieferung hinein; und um beides zu reimen,erfand der Nacherzähler die unsinnige mit dem Sonnenschein unverträglicheZutat vom Regen.
Wir geben nun die Überschreitung der Lippe-Donau so wieder, daß wirbeide Darstellungen, der süddeutschen und westfälischen Sagenform, sinn-gemäß, soweit möglich, miteinander verknüpfen. Wie dort, so begegnet auchhier eine Grenzlandschaft, ein Markhüter, ein Fährmann. Die Nibe-lungen sind an die Mark Elsungs gekommen und müssen, um Soest zuerreichen, den Fluß überschreiten. Wenn es auch nach der westfälischen Sageunklar bleiben mag, ob das der Rhein oder die westfälische Donau ist, so hatdoch die süddeutsche Sage uns die Donau als solche überliefert, und wenn siezum Grenzfluß gemacht ist, was wiederum nur auf die Lippe-Donau zu-trifft, so kann auch hier schon aus diesem Grunde nur diese letztgenanntegemeint gewesen sein. Hier hat auch nur der Sagenzug, der uns von derFestlegung eines Schiffes am Flußufer für die Rückfahrt erzählt, innere Be-rechtigung. Und auch Hagen, der Elsenmann genannt wird, hätte dasBoot nicht zerschlagen, weil er den Gedanken der Rückkehr als feige ablehnt,wenn letztere nicht im Bereich der Möglichkeit gelegen hätte. So geht denn