„Babilon" in der westfälischen Nibelungensage 17b
II. „Babilon" in der westfälischen Nibelungensage alsBezeichnung für die Burgruine Else-Aliso bei Oberaden
Wie im Boden der Vauerschaft Elfe bei Oberadcn die von uns auf-gefundenen römischen Scherben sich als Fremdkörper darstellten und denBeweis erbrachten, daß hier ein Römerlager bestanden hat, so haben wirnun auch in der westfälischen Nibelungensage in engster Verbindung mit demOrtsnamen Elfe einen Beinamen, der — ähnlich wie Elsentroje — beweist, daßauch die westfälische Volksepik die denkwürdige Stätte als die Behau-sung eines fremden, gewalttätigen, heidnischen Volkesgekannt hat. Dieser Name, den wir schon flüchtig kennen lernten, heißtBabilon: er begegnet uns zudem in denjenigen Teilen der heimischenSage, die wir als Soester Quelle mit allen Forschern annehmen.
Daß dieses Babilon, näher gekennzeichnet durch Elfe von Babilon, nachunsern Quellen auf der Wegstrecke liegt, welche die Nibelungen auf ihrerReise vom Rhein nach der Residenzstadt Susat (Soest) zurücklegen, sei nurvorweg gesagt, um anzudeuten, daß wir auch hier wieder die alten Römer-straßen durchscheinen sehen.
Wir müssen nun vorerst einige Bemerkungen vorausschicken. Daß es inWestfalen noch um die Mitte des 13. Jahrhunderts eine blühendeHeldensage gegeben hat, welche die aus dem süddeutschen Nibe-lungenlied bekannten Ereignisse berichtet, sie aber in der Hauptsache,namentlich bezüglich der Nibelungenkatastrophe, für Mittelwest-falen, Soest und Umgebung, örtlich festlegt, kann keiner bezweifeln, und wirdauch durch die Sage selbst einwandfrei bezeugt, indem sie selbst sich auf dieAussagen deutscher Männer aus Münster, Soest und Bremen, als ihrerGewährsmänner, weiterhin auf historische Erinnerungsstätten in Soest beruft,von denen sie sagt: dort sei noch zu sehen die Örtlichkeit der Nibelungen-katastrophe, „wo Hagen fiel und Jring erschlagen ward, und wo derSchlangenturm war, darin König Günther den Tod litt". Es sei hier aucheine äußere Bemerkung eingeflochten. Wir reden absichtlich stets mit dem unsgeläufigsten Namen: „westfälische Nibelungensage" von dem großen epischenWerk westfälischer Volksdichtung, obgleich der vollere Titel lautet: „Wilkina-und Nibelungensage" oder auch mit dem Namen: „Dietrich von Bern unddie Nibelungen" bezeichnet wird. Auch wird für das ganze Werk oft einfachder zusammenfassende Ausdruck: „westfälische Dietrichsage" gebraucht.
Wenn es nun in dieser Sage heißt: „Deutsche Männer sagen, daß keinStreit berühmter gewesen ist in alten Sagen, wie dieser", und wenn die innordischer Sprache abgefaßte Sage immer wieder über sich selbst hinaus auf„deutsche Lieder" verweist, so ist das wieder ein schmerzlicher Beweisfür die Tatsache, daß wir auch in der westfälischen Nibelungensage nur Resteeiner einst soviel reicheren Volksüberlieferung vor uns haben.
Der Name Babilon selbst deutet uns schon an, warum keineAufzeichnung in Westfalen selbst erfolgte: Die historischen Stätten,die so eng mit der Verherrlichung deutschen vorchristlichen Heldentums ver-knüpft waren, fielen unter dem Einfluß der Geistlichkeit der Namentilgunganheim. Noch im 19. Jahrhundert klagte ja ein westfälischer Heimatfreunddarüber, daß im Engerngau, also um Soest, Ortsnamen absichtlich verdreht