Die fränkische Stammsage mit ihrem sugambrischen Heimatboden 167
die es uns aus dem Munde der fränkischen Chronisten hören läßt, daß es sichbei allen diesen geographischen Angaben um deutsche Örtlichkeiten handelt.So sagt Fredegar (um 6S0) selbst: „Es herrscht auch die Ansicht, daßAeneas und Frigas Germanen gewesen sind." Wir erfassen aberPannia noch genauer, wenn wir bedenken, daß später, in der Zeit Karls desGroßen, auch der Quellfluß der Lippe, der in den Veispring Tune geht, in„Jordan" umgenannt worden ist, wie sich noch heute in Lippspringe jederüberzeugen kann. Endlich aber sei schon hier bemerkt, daß in der westfälischenNibelungensage die Lippe selbst „Donau" heißt, denn diese letzterebegegnet uns als Nebenfluß des Rheins unter Verhältnissen, die keinenZweifel darüber lassen, daß es wirklich die Lippe ist. Aber wir sind zum Glückin der Lage, die Übertragung Pannias ins westfälische Sugambrer-land uns noch viel deutlicher zu machen, m. a. W. zu beweisen, daß nichtdie geringste Veranlassung dazu vorlag, die gute Lesart Pannia in „Pan-nonia" zu ändern und das eng mit der Überlieferung verknüpfte Sigambrianach Ungarn zu verschieben, dabei sogar noch den Landschaftsnamen zumStadtnamen zu machen.
Wir werden nämlich wieder durch die fränkischen Chronisten zum wirk -lichenSugambrien,alsderHeimatderFranken zurückgeführt,wenn wir hören (Fredegar c. 8): Die Gründer Sidons sind Kananäergewesen und diese kananäischen Sidonier selbst haben auch Panniagegründet." Wir besitzen nun eine vor dem Jahre 312 verfaßte Kosmographiedes Istriers Äthikos in einem lateinischen Auszuge des Hieronymus, der sichim Jahre 394 an diese Arbeit heranmachte. In diesem Auszug nun habenwir die früheste für uns erreichbare Quelle der fränkischen Stammsagevor uns. Es ist ein großes Verdienst Wuttkes, uns aus einer LeipzigerHandschrift 18Z3 diese Urkunde zugänglich gemacht zu haben. Dieser JstrierÄthikus, den man auch wohl den „Pytheas der sinkenden Römerzeit" genannthat, hat seine Reisen im 3. Jahrhundert gemacht und ist auch nach Deutsch-land gekommen. In Kap. 28 seines geographischen Sammelwerkesbezeichnet er die Germanen und zwar in erster Linie die, welche demReiche zinspflichtig sind (gut vectiZuliu exereeirt) und in regemHandelsverkehr mit den Römern stehen, als „Kananäe r" (Eurmirsi). Erwill damit wiederum nur das Heidentum des Stammes ausdrücken undteilt darüber folgendes mit: „Sie haben ihre Wohnsitze in waldreichen Gegen-den, abseits von den Wegen oder in Sumpfland und Steppen. Sie wissennichts von Gott. Ihr Kult besteht in Dämonenverehrung undZauberei. Sie haben keinen König."
Nun ist es uns deutlich geworden, daß es auch bei den Franken, die sichauf Hieronymus und Äthikos stützten, durchaus ein und dasselbe bedeutete,ob sie von Kananäern, Sidoniern, von Pannia oder von S u -gambria redeten; in allen 'diesen Bezeichnungen stand der Begriff desHeidentums an oberster Stelle. Wenn wir, wie bei Gregor von Tours,Chlodwig einen Sugambrer nennen hörten, so versäumte aber auch Remigiusnicht, bei aller Anerkennung der Herkunft seines Täuflings und der Berechti-gung seiner Ansprüche auch auf sein früheres Heidentum hinzudeuten; so starkwar also auch bei Remigius mit dem Volksnamen der Sugambrer derselbeBegriff, wie bei den übrigen Heidennamen verbunden. Es liegt aber noch ein